Uneinheitliches Bild für Öl und Gold

Georgette Boele

Senior Strategist, Currencies and Precious Metals

Zwei wichtige Komponenten des Rohstoffsektors, Öl und Gold, reagieren unentschlossen auf die globalen Ereignisse und die längerfristige Dynamik. Trotzdem dürften beide 2020 steigen.

Den Ölpreisen fehlt eine klare Richtung, und die Risikoprämie (d. h. der Preisunterschied zwischen den Sorten Brent und WTI) ist nicht nennenswert gestiegen. Dabei haben die geopolitischen Spannungen, zum Beispiel zwischen Iran und Saudi-Arabien, zugenommen. Die Märkte scheinen mit Saudi Aramcos Reaktion auf die jüngsten Produktionsausfälle und mit der schnellen Wiederherstellung der Ölexporte zufrieden zu sein. Unterdessen belasten die negativen Auswirkungen des chinesisch-amerikanischen Handelsstreits auf die Weltwirtschaft weiterhin die Wachstumserwartungen für die Ölnachfrage.

Ungeachtet einer Waffenruhe im Handelsstreit zwischen den USA und China gehen wir davon aus, dass dieser Konflikt das Wirtschaftswachstum weiter belastet. Die Internationale Energieagentur hat ihre Prognose für das Nachfragewachstum auf 1 Million Barrel pro Tag für 2019 und 1,2 Millionen Barrel pro Tag für 2020 gesenkt und stützt sich dabei auf ein geringe.res erwartetes Wirtschaftswachstum. Dies dürfte den denkbaren Höchstpreis für Öl senken. Auch eine verstärkte Ölproduktion in den USA trägt zu einem hohen Marktangebot bei.

Höhere geopolitische Spannungen könnten die Preise hingegen steigen lassen. Sollte die Produktion stärker gekürzt werden als momentan von der Opec vorgesehen, würde dies die Preise ebenfalls stützen. Anfang Dezember treffen sich die Opec-Mitglieder, die Opec und die Länder, die einer Drosselung der Produktion zugestimmt hatten (allen voran Russland). Der Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo sagte, die Opec werde einen weiteren Einbruch der Ölpreise „mit allen Mitteln“ verhindern. Er hat angedeutet, dass die aktuelle Vereinbarung über eine Drosselung der Produktion, die im März 2020 ausläuft, verlängert werden könnte, und sogar eine noch stärkere Produktionskürzung in den Raum gestellt. Ende 2020 sehen wir den Preis pro Barrel Brent bei 70 USD und WTI bei 65 USD.

Ausblick für Gold: nach anfänglicher Schwäche positiv

Dieses Jahr sind die Goldpreise um rund 14 Prozent gestiegen. Am 4. September erreichten sie bei 1.557 USD pro Unze ihren Höchstwert. Seitdem sind sie wieder gefallen. Langfristig ist das Umfeld für Gold positiv: geldpolitische Lockerung, mehr Staatsanleihen mit negativer Rendite und ein gewisser Abwertungsdruck beim USD. Auf kurze Sicht rechnen wir allerdings mit einer gewissen Schwäche. Dies liegt vor allem daran, dass die geldpolitische Lockerung der wichtigsten Notenbanken in den Goldpreisen bereits enthalten ist.

Die meisten Marktteilnehmer halten eine Kaufen-Position bei Gold (sowohl an den Terminmärkten als auch bei ETFs). Ohne eine weitere Rally dürften die Investoren bei einem Teil ihrer Positionen Gewinne mitnehmen. Dies wird kurzfristig zu fallenden Preisen führen. Für 2020 beurteilen wir den Ausblick für Gold optimistischer, insbesondere, nachdem ein beträchtlicher Teil der heutigen Kaufen-Positionen aufgelöst wurden. Wir rechnen damit, dass Gold Ende 2020 1.600 USD pro Unze kostet.

Besserer Brexit-Ausblick stützt den Euro

Die Aussicht, dass ein ungeregelter Brexit vom Tisch ist, hat sowohl den Euro als auch das britische Pfund gestützt. Angesichts einer drohenden Verkaufswelle beim USD hält die derzeitige Stabilität an den Devisenmärkten aber unter Umständen nicht an. Anfang Oktober fiel der Euro gegenüber dem US-Dollar (EUR/USD) unter die Marke von 1,09. Auslöser waren ein Liquiditätsengpass beim Dollar, schwächere Daten aus der Eurozone und die Brexit-Unsicherheit. Seitdem hat sich der Euro erholt. Der Brexit-Ausblick ist deutlich besser geworden, die Fed hat Maßnahmen gegen den Liquiditätsengpass beim Dollar unternommen, und die Daten aus der Eurozone sind zumindest nicht schlechter ausgefallen als erwartet. Wir halten einen ungeordneten Brexit inzwischen für unwahrscheinlich, denn die Konservative Partei wird vor der Wahl am 12. Dezember mit ihrem Brexit-Vertrag Wahlkampf machen, die Labour-Partei wird für ein neues Referendum werben, und die Liberalen werden sich dafür einsetzen, die Austrittsabsicht nach Artikel 50 zu widerrufen. Diese Dynamik lässt das britische Pfund – aber auch den Euro – deutlich aufwerten und daran wird sich vorerst nichts ändern. Gleichzeitig belasten die Brexit-Entwicklungen (und die Aussicht auf eine Waffenruhe im chinesisch-amerikanischen Handelsstreit) den Schweizer Franken, den japanischen Yen und den US-Dollar.

Die Ruhe am Markt dürfte nicht anhalten

An den Devisenmärkten ist es schon seit geraumer Zeit ruhig, vor allem beim EUR/USD. Diese Stabilität dürfte nicht von Dauer sein. Zunächst einmal ist die Volatilität am Optionsmarkt ungewöhnlich niedrig. Auch wenn diese Tatsache allein noch kein Grund für eine höhere Volatilität ist, sollte sie aber nachdenklich stimmen. Der USD notiert auf einem hohen Niveau und ist relativ teuer, was auf der anderen Seite bedeutet, dass GBP, EUR, AUD und NZD relativ billig sind. Zudem könnte sich die technische Situation ändern. Der USD-Index liegt in der Nähe der 200-Tage-Linie. Dieser gleitende Durchschnitt ist ein guter Indikator für die längerfristige Richtung der Devisenmärkte. Sollte der USD-Index die 200-Tage-Linie nachhaltig durchbrechen, könnte dies der Beginn einer größeren USD-Abwertung sein.

Das GBP liegt gegenüber dem USD (GBP/USD) momentan über der 200-Tage-Linie. Auch der EUR/USD- und der AUD/USD-Kurs liegen relativ nahe an der 200-Tage-Linie. Außerdem haben Spekulanten Netto-Long-Positionen in USD und Netto-Short-Positionen in EUR, GBP, AUD und NZD. Bei den letzteren beiden Währungen ist die Netto-Short-Position sogar recht beträchtlich. Wenn ein Teil dieser Positionen aufgelöst wird, würde dies die jeweiligen Währungen gegenüber dem USD aufwerten lassen. Alles in allem zögern Investoren vermutlich, auf dem aktuellen Stand Long-Positionen in USD aufzubauen. Das Risiko eines Ausverkaufs beim USD wird in den nächsten Wochen und Monaten steigen.

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Kapitalmarktausblick 2020 - Wolkenlücken am Horizont
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