Die Richtung stimmt

Han de Jong

Chief Economist

Die Unwägbarkeiten von 2019, einschließlich der weltweiten Wachstumssorgen, des chinesisch-amerikanischen Handelskriegs und des Brexits, werden sich 2020 fortsetzen. Aber nicht alles ist schlecht. Niedrige Zinsen, Konjunkturimpulse in China und die neuen 5G-Netze bringen positive Effekte.

Das Wachstum der Weltwirtschaft wird immer schwächer. Der Handelsstreit zwischen den USA und China und die Gefahr von noch mehr Protektionismus schaden dem Vertrauen und dem Handel. Außerdem wirken die vier Zinserhöhungen der US-Fed von 2018 immer noch nach. Chinas Schuldenabbau, die Proble.me im Automobilsektor in Deutschland und einigen anderen Ländern und die Brexit-Unsicherheit haben das Wachstum dieses Jahr ebenfalls belastet.

Die Unwägbarkeiten werden anhalten. Im chinesisch-amerikanischen Handelsstreit bedeutet die aktuelle Waffenruhe nicht, dass der Konflikt nicht erneut eskaliert. Und es kommen neue Unsicherheiten hinzu. Das Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump wird in den kommenden Monaten ebenso Schlagzeilen machen, wie das Rennen um das Weiße Haus. p>

Ungeregelter Brexit ist unwahrscheinlich

Wie es mit dem Brexit weitergeht, ist zum Erstellungszeitpunkt dieses Textes unklar. Die jüngsten Entwicklungen deuten darauf hin, dass zwei extreme Risiken für die Finanzmärkte abgenommen haben. Ein No-Deal-Brexit ist vorerst vom Tisch und eine Ein-Parteien-Mehrheitsregierung unter der Führung von Labour-Chef Jeremy Corbyn ist Umfragen zufolge unwahrscheinlich. Die Finanzmärkte würden so eine Regierung nicht sonderlich gut aufnehmen.

Der EU-Austritt der Briten wird der Wirtschaft auf beiden Seiten schaden – ganz gleich, wann und unter welchen Bedingungen der Brexit stattfindet. Je härter der Brexit, desto größer der Schaden. Die Briten können die negativen Auswirkungen aber abfedern. Erstens können sie ihre Währung abwerten lassen. Zweitens können sie mit politischen Maßnahmen dafür sorgen, dass Großbritannien als Wirtschaftsstandort attraktiver ist als die EU – was wohl nicht sonderlich schwierig wäre. Alles in allem gehen wir davon aus, dass Großbritannien mit einem Austrittsvertrag geht. Außerdem erwarten wir wie gesagt auf beiden Seiten negative wirtschaftliche Folgen, wobei Großbritannien in einer guten Ausgangsposition ist, die negativen Folgen abzufedern.

Positive Anzeichen

Während der Ausblick für die Weltwirtschaft nicht sonderlich positiv ist, wird unserer Einschätzung nach eine Reihe von Faktoren die Wirtschaft in die richti.ge Richtung lenken. Die Fed hat die Leitzinsen 2019 dreimal gesenkt und damit die Verknappung von 2018 fast vollständig rückgängig gemacht. Auf dem Hypothekenmarkt zeigen sich bereits die positiven Auswirkungen. Es dauert eine Weile, bis geldpolitische Maßnahmen in allen Teilen der Wirtschaft Wirkung zeigen. Deshalb stehen weitere positive Entwicklungen bevor, selbst wenn die Fed die Zinsen eine Zeit lang nicht mehr weiter senkt. Die Europäische Zentralbank (EZB) und viele andere Notenbanken weltweit haben ihre Geldpolitik ebenfalls gelockert.

Chinas Konjunkturmaßnahmen werden Wirkung zeigen

Chinas Bemühungen, die Konjunktur anzukurbeln, haben noch nicht nennenswert Früchte getragen. In manchen Kennzahlen deutet sich inzwischen aber an, dass die positive Wirkung jetzt einsetzt. Wenn dies stimmt, wäre es ein sehr positives Zeichen für die Weltwirtschaft. Eine Waffenruhe im chinesisch-amerikanischen Handelsstreit wäre ebenfalls erfreulich, weil dadurch die Unsicherheit zurückginge. Die Logik spricht dafür, dass Präsident Trump an einer Einigung mit den Chinesen interessiert ist und sich zumindest eine Zeit lang daran hält. Die US-Wirtschaft verliert an Dynamik und eine weitere Eskalation des Konflikts würde auch den Amerikanern und damit Trumps Chancen auf eine Wiederwahl schaden.

In der Industrie könnte im Lagerzyklus eine Trendwende bevorstehen. Die Produktion ist weltweit seit einiger Zeit geringer als die Nachfrage. Das kann nicht ewig so weitergehen. Irgendwann füllen die Unternehmen ihre Lager wieder auf, und das wird der Konjunktur einen Schub geben.

Schnelleres Internet und Smartphones mit 5G

Endlich kommt der neue Mobilfunkstandard der fünften Generation, der schnellere Übertragungen sowie stabilere Verbindungen verspricht und dem Technologiesektor einen Schub verleiht. Der Technologiezyklus wird immer wichtiger und die Entwicklungen rund um den neuen 5G-Standard könnten einen wichtigen Impuls geben.

Alles in allem hat die Konjunktur nachgelassen und das Wachstum dürfte schwach bleiben. Zumindest ist eine Rezession unwahrscheinlich, und 2020 könnte das Wachstum wieder leicht anziehen. Die Inflation ist sehr niedrig, sodass die Notenbanken ihre sehr expansive Haltung beibehalten können.

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Kapitalmarktausblick 2020 - Wolkenlücken am Horizont
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