Anleihen: Der Druck nimmt zu

Mary Pieterse-Bloem

Global Head Fixed Income

Angesichts der negativen Renditen bei Staatsanleihen der Eurozone bilden jetzt Investment-Grade-Unternehmensanleihen den Kern unserer Anleiheportfolios. Diese Strategie empfehlen wir auch für 2020. Anleiheinvestoren sollten sich außerdem der Risiken bewusst sein, die von einem turbulenteren Umfeld ausgehen.

Anleihen leiden seit Langem unter einer Kaltfront aus niedriger Inflation, schwachem Wachstum und niedrigen Leitzinsen. Bei sechs von zwölf Staatsanleihe-Emittenten der Eurozone rentieren Papiere mit einer Laufzeit bis zehn Jahre unter null. Die Kupons werden zwar nicht negativ, aber ein (Neuemissions-)Preis über pari sinkt bei Fälligkeit auf den Nennwert. Somit entsteht aus negativen Renditen eine negati.ve erwartete Wertentwicklung.

Aktive Anleger können Anleihen mit negativer Rendite kaufen, wenn sie glauben, dass die Renditen noch weiter sinken. Ein vorübergehender Anstieg der Anleihekurse wird realisiert, wenn die Anleihen vor ihrer Fälligkeit verkauft werden. Diese Vorgehensweise wird allerdings immer heikler: Je mehr die Renditen absacken, desto höher das Risiko, dass sie wieder steigen, und damit fallen die Anleihekurse.

Anderer Risikoausgleich

Negativzinsen sind nichts Neues. Negativzinsen bedeuten schon seit einiger Zeit, dass sich der Schwerpunkt von Anleiheportfolios auf in Euro denominierte Investment-Grade-Unternehmensanleihen von nichtfinanziellen Emittenten verlagert. Während 60 Prozent des Investment-Grade-Anleihe-Index ebenfalls negativ rentiert, hebt die Überrendite von rund einem Prozentpunkt im Vergleich zu deutschen Bundesanleihen die erwartete Wertentwicklung dieser Anleihen in den positiven Bereich.

Unsere Hauptstrategie besteht darin, die Allokation von Staatsanleihen aus Kernländern zugunsten von extrem sicherer und unverzinster Liquidität sowie riskanteren Anleihesegmenten zu verkleinern. Wir halten an dieser Strategie fest, empfehlen Anlegern aber auch, Risiken in den Randbereichen des Portfolios neu zu gewichten, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.

Strategien für die bevorstehenden Turbulenzen

Auf positive Nachrichten zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung könnte der Anleihemarkt mit höheren Renditen reagieren. Dann drohen Turbulenzen bei den Anleihekursen.

Wir empfehlen den Anlegern für diese Phase vier Taktiken:

  1. Duration des gesamten Anleiheportfolios von Übergewichtung auf neutral gegenüber ihrer Benchmark reduzieren. Eine längere Duration (Übergewichtung) war eine Strategie in einem Umfeld sinkender Zinsen. Nachdem jetzt ein Anstieg der Zinsen droht, bietet sich eher eine Verkürzung der Duration an.
  2. Investment-Grade-Unternehmensanleihen von nicht finanziellen Emittenten als Anker für das Anleiheportfolio nutzen. Nachdem die Europäische Zentralbank ihr Anleihekaufprogramm wieder aufgenommen hat, erhalten die Anleihekurse Unterstützung. Gleichzeitig werden die Bilanzen der Unternehmen von der zu erwartenden Verbesserung des gesamtwirtschaftlichen Umfelds profitieren.
  3. Nach und nach Liquidität in Anleihen zurückführen. Die Verzinsung von Liquidität geht immer weiter zurück und wir rechnen damit, dass Anleihen weiterhin eine positive Wertentwicklung bieten.
  4. Streuung auf unterschiedliche Risikofaktoren. Beim Länderrisiko bevorzugen wir die Peripherieländer der Eurozone. Die Titel dieser Länder sind auch durch das Kaufprogramm der EZB abgesichert. Außerdem favorisieren wir eine geringe Allokation von Schwellenmarktstaatsanleihen in harten Währungen sowie eine geringe Allokation in Unternehmensanleihen aus Schwellenländern und in Hochzinsunternehmensanleihen. Sie sind zwar nicht Teil der Kaufprogramme der Zentralbanken, passen aber gut zu unserem Ausblick, und ohne größere Kursbewegungen bringt allein das Halten solcher Titel eine positive Rendite.

2020 müssen Anleger diese Risiken aufmerksam verfolgen, Chancen ergreifen, wenn sie sich bieten, und potenzielle Kursrückgänge vermeiden. Das Investieren in Anleihen muss 2020 deutlich stärker taktisch geprägt sein.

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Kapitalmarktausblick 2020 - Wolkenlücken am Horizont
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