Aktien: Ansichten ausbalancieren

Olivier Raingeard

Global Head Equity

Für 2019 kann eine beeindruckende Entwicklung der Aktienmärkte verzeichnet werden. Die stärksten Triebfedern der Wertentwicklung waren die Trendwende in der Geldpolitik sowie eine Abnahme der politischen Risiken. Die Entwicklung der Fundamentaldaten fiel hingegen weniger überzeugend aus, denn die Abkühlung der weltweiten Konjunktur belastete das Gewinnwachstum der Unternehmen. Für 2020 sollten Anleger daher zwei Szenarien im Auge haben.

In einem Positivszenario besteht die Einschätzung, dass erste Anzeichen einer Stabilisierung der Weltwirtschaft den Auftakt zu einer Beschleunigung in den folgenden Quartalen bilden dürften. Dies würde ein deutliches Gewinnwachstum auslösen. Analysten kalkulieren derzeit mit einem Plus von zehn Prozent für 2020. Insbesonde.re Aktien mit hohen Risikoprämien würden in diesem Umfeld profitieren, während an den Rentenmärkten eine geringere Wertentwicklung zu erwarten wäre. Ein negatives Szenario sieht dagegen vor, dass die Weltwirtschaft weniger stark anzieht, die politischen Risiken in den kommenden Quartalen hoch bleiben und die Gewinne der Unternehmen erheblich langsamer wachsen. In diesem Fall würde die Geldpolitik als weniger effektiv eingeschätzt werden, und risikobehafteten Anlagen wie Aktien stünde eine weitere Phase der Volatilität ins Haus.

Mit einer neutralen Aktieneinstufung ins neue Jahr

Die Bullen haben nachvollziehbare Argumente. Immer mehr spricht für eine Stabilisierung der Weltwirtschaft, und der Dienstleistungssektor erweist sich mit Unterstützung der Verbraucher weltweit als robust. Möglich ist zudem, dass die USA und China eine Einigung im Handelskonflikt erzielen, die wiederum das Geschäftsklima in den kommenden Quartalen verbessern dürfte. Unter dieser Voraussetzung könnte das Gewinnwachstum nächstes Jahr die Marke von zehn Prozent erreichen. In solch einem Umfeld würden in erster Linie Aktien profitieren, die als wichtigste Quelle für deutlich über Null liegende Renditen anzusehen sind. Das Mantra „es gibt keine Alternative“ unterstützt die Aktienmärkte zusätzlich.

Die Bären führen jedoch ebenfalls stichhaltige Argumente ins Feld und stützen sich dabei auf die jüngsten wirtschaftlichen und fundamentalen Entwicklungen. Trotz der weltweiten konjunkturellen Abkühlung und der Verlangsamung des globalen Gewinnwachstums um zwei Prozent im Jahresvergleich sind die Aktienkurse stark gestiegen. Dies könnte auf eine Diskrepanz zwischen dem Marktverhalten und den Fundamentaldaten hindeuten, was sich in höheren Bewertungen widerspiegelt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500 liegt momentan bei 19 und damit deutlich über dem langfristigen Durchschnitt (rund 15). Zudem scheinen noch nicht alle politischen Probleme ausgeräumt, und vor allem die US-Politik könnte nächstes Jahr im Vordergrund stehen. Unter diesem Aspekt wirkt es, als sei kein Puffer vorhanden, um schlechte Nachrichten abzufedern; insbesondere in einem Umfeld mit einer bereits sehr expansiven Geldpolitik.

In unseren Augen gibt es für beide Szenarien überzeugende Argumente. Deshalb stufen wir Aktien für den Jahresbeginn 2020 neutral ein. Welche Einschätzung sich künftig daran anschließt, hängt insbesondere von der weiteren Entwicklung der Unternehmensgewinne ab. Jede Art von nachhaltigem Gewinnwachstum würde – unter der Annahme ansonsten konstanter Parameter – dafür sprechen, dem optimistischen Szenario den Vorzug zu geben.

Regional möglichst ausgeglichene Allokation

Das Bestreben, die Aktienpositionierung möglichst neutral zu gestalten, erstreckt sich auch auf die Allokation von Regionen und Sektoren. In regionaler Hinsicht haben wir unsere ausgeprägte Übergewichtung von US-Aktien gegenüber europäischen Titeln zurückgefahren. Zwar liegt unsere Präferenz nach wie vor bei US-Aktien, mittlerweile jedoch in geringerem Maße als zuvor. Amerikanische Aktienmärkte haben im seit 2009 laufenden Bullenmarkt immer noch die Nase vorn, getrieben von einem stärkeren Gewinnwachstum. Mit der US-Präsidentschaftswahl im November könnten jedoch die politischen Risiken nächstes Jahr zunehmen und die Aktienkurse unter Druck setzen. Für eine belastbare Analyse dieser Wahl und ihrer potenziellen Auswirkungen ist es aber noch zu früh. Auf der anderen Seite sinken zugleich die politischen Risiken in Europa: Ein „harter“ Brexit ohne Austrittsvertrag scheint endgültig vom Tisch zu sein. Bei den Schwellenländern sind wir neutral positioniert. Dort wirken zwar sowohl absolute als auch relative Bewertungen attraktiv, jedoch bietet Chinas Wirtschaft nach wie vor wenig Transparenz. Der Handelsstreit zwischen den USA und China ist noch nicht vorüber und zusätzlich bleibt der US-Dollar trotz der expansiven Haltung der US-Fed stark.

In wachstumsabhängige Sektoren investieren

Wir bleiben bei unserer Sektorpräferenz für Informationstechnologie und Gesundheit. Das globale Gewinnwachstum gegenüber dem Vorjahr lag in diesen beiden Sektoren bei 1,5 Prozent beziehungsweise vier Prozent, getragen von der Transformation und Digitalisierung der Wirtschaft und der Zunahme der älteren Bevölkerungsschichten. Diese Trends dürften sich auch im kommenden Jahr fortsetzen. Das größte Risiko auf Sektorenebene sehen wir 2020 in der Entwicklung der politischen Situation in den USA. Unter den anderen Sektoren stufen wir weiterhin nicht-zyklischen Konsum und Versorger als unattraktiv ein. Beide Bereiche weisen hohe Bewertungen auf und reagieren sehr sensibel auf Zinsveränderungen. Unsere Haltung gegenüber dem Finanzsektor ist hingegen positiver geworden, daher haben wir ihn auf neutral angehoben. Eine Verbesserung des Konjunkturausblicks würde in Kombination mit niedrigen Bewertungen unserer Ansicht nach eine Outperformance der Finanzwerte auslösen. Allerdings sollten strukturelle Probleme nicht außer Acht gelassen werden.

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Kapitalmarktausblick 2020 - Wolkenlücken am Horizont
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