Was die Natur uns (über Wandel) lehrt

Tradition ist etwas Großartiges. Daran werde ich durch meine Arbeit täglich erinnert. Denn die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung wurde vor mehr als 200 Jahren gegründet. Und auch die Verbundenheit zwischen den Namen Senckenberg und Bethmann weist eine lange Tradition auf. Simon Moritz Bethmann war ein Freund von Johann Christian Senckenberg – und einer der ersten finanziellen Förderer seiner Projekte – Beispiele wären ein medizinisches Institut, ein botanischer Garten und eine Bibliothek. Projekte, aus denen später die Gesellschaft hervorging.
 
Aber ich bin nicht nur Generaldirektor, sondern auch Naturwissenschaftler. Und darum werde ich durch meine Arbeit täglich daran erinnert, dass nichts auf der Welt auf Dauer so bleibt, wie es ist. Wandel liegt im Wesen der Natur. Und nur, wer sich an diesen Wandel anpasst, überlebt.
 
Dafür gibt es unzählige Beispiele aus dem Tierreich. Wie etwa den Birkenspanner. Ein Schmetterling, der ursprünglich weiß gefärbt war. Als die industrielle Revolution in England begann, lagerte sich der Ruß aus den Fabrikschornsteinen auch auf Birken ab. Nun war der Schmetterling auf den Stämmen nicht mehr getarnt und Fressfeinden schutzlos ausgeliefert. Was dann folgte, war ein Phänomen, das man heute Industriemelanismus nennt: Der Birkenspanner wurde dunkler. Er passte sich seiner veränderten Umwelt an – und überlebte. Tatsächlich gibt es heute wieder weiße Birkenspanner, weil sich die Industrie gewandelt hat und nicht mehr so viel Ruß produziert wie damals.
 
Auch die Entstehung der Menschheit selbst ist ein solches Beispiel. Vor rund 2,5 Millionen Jahren führte ein Klimawandel dazu, dass sich in Afrika Trockenheit ausbreitete. In der Konsequenz wurden viele Nahrungspflanzen und deren Früchte und Samen faseriger und hartschaliger. Die hominiden Wesen mussten sich anpassen, um sie weiterhin als Nahrung verarbeiten zu können. Diese Anpassung ging in verschiedene Richtungen. Einige Arten entwickelten stärkere Kaumuskeln. Andere setzten mehr darauf, ihre Gehirne zu entwickeln: Sie begannen, Werkzeuge herzustellen, mit denen sie die hartfaserigen Nahrungspflanzen zerteilen konnten. Die Letztgenannten waren die Vorfahren des modernen Menschen.
 
Sie sind ein Beispiel für eine ganz besondere Form des Sich-Anpassens, nämlich über eine „kulturelle Evolution“, die ein Lehren und Lernen voraussetzt. Dadurch wird es möglich, nicht nur passiv, sondern aktiv und ganz bewusst auf Veränderungen zu reagieren und auch selbst Veränderungen und Verbesserungen herbeizuführen – dies ist das Erfolgsgeheimnis des Homo sapiens. 
 
Wandel lässt sich nicht aufhalten. Aber wer den Wandel aktiv mitgestaltet, statt zuzuschauen und abzuwarten, was mit ihm passiert, wird Erfolg haben. Ich wünsche den Mitarbeitern der Bethmann Bank, denen ich mich so verbunden fühle, diese Erkenntnis, diesen Mut zum Selbst-Gestalten – und den Erfolg, der sicher daraus resultieren wird.
 
Und all dies steht nicht im Widerspruch zur Geschichte ihres Hauses. Denn wie der Komponist Gustav Mahler einmal sagte: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“

Volker Mosbrugger ist Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und Präsident der Polytechnischen Gesellschaft. Der promovierte und habilitierte Geowissenschaftler war unter anderem Professor für Paläontologie an der Universität Tübingen.

Text: Volker Mosbrugger  |  Foto: Alex Habermehl

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