Für ein nachhaltigeres Leben

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist nicht nur überstrapaziert und wird für alles und jedes gebraucht, er ist auch ein, Entschuldigung, doofes Wort. Es klingt nicht, es ist mit nichts assoziiert, es ist erklärungsbedürftig. Wenn damit eine Form des Wirtschaftens gemeint sein soll, die so sorgsam mit den natürlichen Ressourcen umgeht, dass der Stoffumsatz in einem gegebenen Zeitraum seine Substanz nicht angreift, könnte man ja auch sagen: (Nachhaltigkeit ist) Wirtschaften in der Zeit. Und schon hätte man zwar immer noch nichts Schönes, aber jedenfalls etwas Verständliches: nämlich einen Begriff für eine Haltung des Wirtschaftens, die weiß, dass ihre Voraussetzung die Erneuerbarkeit von Ressourcen in überschaubaren Zeiträumen ist. Die diese Voraussetzungen nicht konsumiert, weil sie zeitbewusst ist. 
 
Tatsächlich basiert ja die historisch noch sehr junge Erfolgsgeschichte kapitalistischen Wirtschaftens darauf, dass man Böden, Gewässer und Tierwelt – also alles, was die Welt ausmacht – als unbegrenzt wahrgenommen hat. Wenn man sich überlegt, wie klein der Teil der Welt war, in dem sich die frühe Industrialisierung abgespielt hatte, und zu dieser Zeit die Weltbevölkerung keine Milliarde Menschen umfasste, wird ja auch klar, dass man zunächst keine Vorstellung davon haben konnte, dass der wirtschaftliche Eingriff in den Naturhaushalt diesen grundsätzlich beeinflussen könnte. Das ist erst mit der Ökologiebewegung der 1960er-Jahre ins Bewusstsein getreten. Heute werden wir täglich mit neuen Horrormeldungen zum Artenverlust, zum Klimawandel, zum Zustand der Meere und Wälder konfrontiert, aber bislang hat noch niemand ein attraktives Wirtschaftsmodell vorgestellt, das wachsende Lebensqualität zugleich mit ökologischer Nachhaltigkeit realisiert. 
 
Die gute Nachricht ist aber, dass nicht nur die Grenzen des Wachstums immer deutlicher werden, sondern seine Segnungen spätestens dann fragwürdig werden, wenn global mehr Menschen an Übergewicht als an Unterernährung leiden. Und wie man aus der internationalen Glücksforschung weiß, nimmt ab einem bestimmten Einkommensniveau das empfundene Glück nicht mehr zu. 
 
Mit anderen Worten: Der Pfadwechsel zum Wirtschaften in der Zeit, also zu einem ökologisch aufgeklärten Kapitalismus, ist eigentlich ein attraktives Projekt. Wenn es gelingen soll, muss man es allerdings auch als attraktiv entwerfen und kommunizieren. Eigentlich gar nicht so schwer: Ein gutes Leben erschöpft sich ja nicht im schieren „Mehr“ und genauso wenig in seinem ebenso langweiligen Gegenbegriff des „Weniger“. Es muss einfach besser sein als das, was unter den gegebenen Bedingungen geführt wird: ein angenehmeres Leben mit mehr Zeitwohlstand, Selbstbestimmung und psychischer Gesundheit – womit zugleich materieller Aufwand an Bedeutung verlöre, das Leben mithin nachhaltiger würde. Nur das Zauberwort dafür, das müssen wir erst noch erfinden. 

Prof. Dr. Harald Welzer ist Direktor der Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit, die sich alternativen Lebensstilen und Wirtschaftsformen widmet.

Text: Prof. Dr. Harald Welzer  |  Foto: Wolfgang Schmidt

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