
Wochenkommentar: Märkte stehen nicht auf geopolitische Turbulenzen
Während in Osteuropa und im Nahen Osten Unruhen herrschen und die Straße von Hormus weiterhin gesperrt ist, verzeichnen die Aktienmärkte Rekordstände. Angetrieben werden sie durch den Boom im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) und starken Unternehmensergebnissen.
Der S&P erreichte am 2. Juni ein Allzeithoch, während der Stoxx Europe 600 sein Hoch am 26. Mai markierte, danach jedoch um 1,5 % nachgegeben hat. Die dominierenden Themen dieser Woche sind weiterhin KI-Chip-Aktien, beflügelt durch Nvidias Produktankündigung und starken Ergebnissen von Veeva, jedoch gebremst durch eine schwächere Prognose von Broadcom. Auch M&A-Aktivitäten, insbesondere der gescheiterte Übernahmeversuch von AkzoNobel erregten aufsehen sowie Greg Abels (der neue CEO von Berkshire Hathaway) durch seine erste Deal-Aktivitäten für Berkshire Hathaway.
Veeva gab am Dienstag nach Börsenschluss die Ergebnisse für das erste Quartal bekannt und übertraf die Erwartungen auf breiter Front. Das Unternehmen hob seine bereinigte Prognose für das Geschäftsjahr 2027 sowie den Umsatzausblick an, Beides lag über den Konsensschätzungen der Analysten. Die Schwäche des Aktienkurses dürfte auf Gewinnmitnahmen nach einer starken Entwicklung vor den Zahlen sowie auf das Fehlen konkreter Details zu Partnerschaften im Bereich Customer-Relationship-Management mit den Top-20-Pharma-Kunden in den vorbereiteten Aussagen zurückzuführen sein.
Auch Broadcom meldete höhere Umsätze, angetrieben durch die steigende Nachfrage nach KI-Chips, doch die Prognose blieb hinter den hohen Erwartungen der Anleger zurück. Die Aktie gab im nachbörslichen Handel am Mittwoch um etwa 12 % nach. Bis zum Handelsschluss am Mittwoch verzeichnete die Aktie seit Jahresbeginn ein Plus von 38 %.
Greg Abel, der neue CEO von Berkshire Hathaway, hinterließ einen starken ersten Eindruck, indem er Ende Mai an einem einzigen Wochenende mehrere Transaktionen abschloss. Diese Schritte gaben den Aktionären Anlass zu der Meinung, dass Berkshire unter der neuen Führung seine opportunistische Transaktionskultur beibehält, nachdem die Aktie seit Abels Nachfolge von Warren Buffett eine Phase der Underperformance nachgezogen hatte.
Comcast kündigte an, über 5 Milliarden GBP (6,7 Milliarden USD) in den Bau des ersten europäischen Themenparks von Universal in Bedfordshire (UK) zu investieren. Zusätzlich werden in den ersten zehn Betriebsjahren nach einer geschätzten fünfjährigen Bauzeit weitere 1 Milliarde GBP an Investitionen erwartet.
Medtronic meldete im vierten Geschäftsquartal einen Umsatzanstieg von 9,9 % im Jahresvergleich, wobei auch der Nettogewinn deutlich zulegte. Dies übertraf die Erwartungen der Analysten. Die Aktie legte um 7 % zu.
Am Montag stellte Nvidia den RTX Spark vor, den das Unternehmen als „den effizientesten PC-Chip, der je gebaut wurde“ bezeichnet. Die Ankündigung beflügelte die Nvidia-Aktie und sorgte für Kursgewinne im gesamten KI-Ökosystem.
Der erwartete Börsengang (IPO) von SpaceX, der mehr als doppelt so viel Kapital wie jeder bisherige US-Börsengang einbringen soll, veranlasst Indexanbieter bereits dazu, die Regeln für die Aufnahme in den Referenzindex neu zu formulieren, und zwingt passive Investmentfirmen dazu, sich im Hinblick auf das Angebot neu zu organisieren. Der Börsengang soll am 12. Juni stattfinden. Das Unternehmen strebt 75 Mrd. USD an, was einem Marktwert von 1,77 Billionen USD entspricht. Elon Musk wird 84,4 % der Stimmrechte behalten.
Anleihen: Vorerst ein Balanceakt
Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen liegen bei etwa 4,47 %, die Renditen zehnjähriger deutscher Bundesanleihen bei rund 3,0 %. Im Vergleich zu den Niveaus Mitte Mai, als der damalige Ölpreisanstieg die Renditen nach oben trieb, zeigt sich aktuell eine deutliche Entspannung am Zinsmarkt. Wir bewegen uns wieder in klar definierten Handelsspannen. Das ultralange Ende der Zinskurve bleibt weiterhin auf hohem Niveau, da der Markt Risiken einer länger anhaltenden und hartnäckigen Inflation einpreist.
Da US-Staatsanleihen den globalen Anleihemarkt maßgeblich beeinflussen, bleibt es entscheidend, auch den Blick auf die US-Volkswirtschaft zu richten. (Der US-Staatsanleihemarkt ist der größte Markt für Staatsanleihen, und seine Entwicklungen geben die Richtung für den deutlich kleineren europäischen Anleihemarkt vor.)
Die US-Wirtschaft erscheint angesichts zentraler Treiber sowie erheblicher KI-getriebener Investitionen robust, was den Aktienmarkt stützt und Vermögenseffekte aufrechterhält.
Ein Grund dafür ist, dass Ausfallmodelle der Rating-Agenturen eine leicht steigende Ausfallquote signalisieren, obwohl das aktuelle Niveau weiterhin im historisch niedrigen Bereich liegt. Die Bewegungen bei Staats- und Unternehmensanleihen sind derzeit gering, und die Korrelation mit dem Ölmarkt bleibt hoch, sodass der Anleihemarkt seine Rolle als Diversifikator momentan nicht vollständig erfüllt. Sollte sich der Konflikt im Nahen Osten entspannen und Inflationserwartungen wieder zurückgehen, könnten Anleihen ihre Funktion als Stabilisator im Portfolio zurückgewinnen.
Insbesondere das kurze Ende der Zinsstrukturkurve wird von der Möglichkeit beeinflusst, dass die Zentralbanken Maßnahmen ergreifen, um ihre restriktivere Haltung zu unterstreichen – etwa durch Zinserhöhungen, um möglichen inflationären Effekten infolge steigender Ölpreise entgegenzuwirken. Dazu könnten Anhebungen der Leitzinsen gehören, sobald die Inflation wieder anzieht, um Zweitrundeneffekte zu vermeiden.
Auch am langen Ende der Zinsstrukturkurve spielt die Entwicklung der Ölpreise eine wichtige Rolle, die in letzter Zeit etwas nachgegeben haben. Während Zentralbanken vor allem auf das kurze Ende wirken, preisen Anleiheinvestoren am langen Ende Inflationserwartungen und mögliche Lohn-Preis-Spiralen als zusätzlichen Risikoaufschlag ein. Die Situation rund um den Iran-Konflikt ist weiterhin ungelöst, doch scheint sich vor dem Hintergrund zeitweise aufflammender Spannungen eine diplomatische Lösung abzuzeichnen. Dies mag zwar nicht dauerhaft tragfähig sein, dennoch zeigen sich die Märkte bislang relativ gelassen und auf Phasen erhöhter Marktspannung folgt in der Regel wieder eine Deeskalation.
Wir meiden weiterhin Anleihen mit langen Laufzeiten und behalten die Bonität der Emittenten im Blick. Für Anleger, die zögern, in die aktuellen Märkte einzusteigen und über überschüssige Liquidität verfügen, können Geldmarktlösungen als Möglichkeit zur Diversifikation der liquiden Mittel in Betracht gezogen werden.
Redaktionsschluss: donnerstags, 15:00 Uhr