
Wochenkommentar: Grönland-Konflikt
Die globalen Märkte verzeichneten diese Woche eine Phase erhöhter Volatilität, verursacht durch die erneut eskalierenden Spannungen zwischen den USA und Europa. Auslöser waren Äußerungen von US-Präsident Donald Trump, Grönland erwerben zu wollen, durch die der Handelskonflikt wieder verstärkt in den Fokus rückte.
Zu Wochenbeginn kündigte Trump einen Zollsatz von 10 Prozent auf Waren aus acht europäischen Ländern an. Zeitgleich drohte er, diesen auf 25 Prozent zu anzuheben , sollte es im Streit um Grönland zu keiner Einigung kommen. Die EU reagierte umgehend und bereitete Gegenmaßnahmen vor, darunter Strafzölle auf US-Waren im Wert von 93 Milliarden Euro.
Die Aktienmärkte reagierten entsprechend nervös auf die aufkeimenden geopolitischen Spannungen. Der S&P 500 Index gab seine bisherigen Jahresgewinne ab, während die Volatilität deutlich anzog. Anleger verlagerten ihre Engagements verstärkt in sichere Anlageklassen, insbesondere Edelmetalle. Der Goldpreis sowie auch Platin erreichten neue Rekordstände.
In Laufe der Woche verbesserte sich das Marktumfeld etwas. Präsident Trump signalisiert, vorerst auf weitere Zollerhöhungen zu verzichten, und stellte einen möglichen diplomatischen Rahmen für ein zukünftiges Abkommen über Grönland vor, ohne jedoch konkrete Zusagen zu machen. Diese Entspannungssignale wurden positiv von den Aktienmärkte aufgenommen, sodass die Wall Street über alle Sektoren fester schloss. Dennoch blieb die diplomatische Unsicherheit bestehen, da europäische Staats- und Regierungschefs weiterhin mögliche Vergeltungsmaßnahmen diskutieren.
Parallel dazu ist die Berichtssaison für das vierte Quartal in vollem Gange. Mehrere große US-Firmen veröffentlichten ihre Quartalszahlen, darunter Johnson & Johnson, United Airlines und Netflix. Das weltweit größte Unternehmen für Content-Streaming präsentierte solide Ergebnisse der letzten drei Monate und übertraf sowohl beim Gewinn als auch beim Umsatz die Erwartungen des Marktes. Der Umsatz stieg im Jahresvergleich um 18 Prozent. Dennoch reagierte die Aktie negativ, da der Ausblick für das laufende Quartal hinter den Markterwartungen zurückblieb. Das Management verwies auf höhere Programmausgaben, Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Warner Brothers Discovery Übernahme, sowie eine schwächere Margenentwicklung in der Zukunft. Diese zurückhaltende Prognose überschattete die soliden Quartalsergebnisse und löste Bedenken hinsichtlich der Nachhaltigkeit von Wachstum und Rentabilität aus. Anleger bewerten ihre Erwartungen für 2026 neu und infolgedessen korrigierte der Aktienkurs.
Anleihen: Renditeerwartungen werden komplex
Die Anleihemärkte wurden diese Woche durch einen Anstieg der Renditen japanischer Staatsanleihen (JGB) und einen eskalierenden Konflikt zwischen den USA und Europa um Grönland stark beeinflusst.
Die Renditen japanischer Staatsanleihen stiegen sprunghaft an, als Premierministerin Sanae Takaichi ein Wahlprogramm einschließlich ungedeckter Steuersenkungen verkündete. Wenn die Renditen drastisch steigen, besteht die Gefahr, dass sie so lange steigen, bis es unangenehm wird. Die Aufforderung der japanischen Finanzministerin Ruhe zu bewahren trug vorerst zur Stabilisierung der Märkte bei, erinnert jedoch daran, dass die Anleger weiterhin genau auf die Staatsverschuldung achten.
Der Konflikt zwischen Europa und den USA um Grönland eskalierte zu Beginn der Woche, doch die Befürchtungen eines Handelskriegs (oder Schlimmerem) scheinen aktuell vom Tisch zu sein, nachdem Trump beim Weltwirtschaftsforum seine Zollforderungen verworfen hat und sich die USA und die NATO auf einen Rahmen für ein künftiges Abkommen geeinigt haben. Es muss abgewartet werden, wie sich dies weiterentwickelt. Doch auch wenn dieser Konflikt beigelegt ist, bleibt das geopolitische Risiko hoch. Ein erhöhtes Konfliktrisiko stützt tendenziell die Renditen von Anleihen aus den Kernstaaten durch Zuflüsse in sichere Häfen. Es besteht jedoch das Risiko, dass ausländische Investoren US-Anlagen verkaufen, um diversifizierter aufgestellt zu sein, wenn sie davon ausgehen, dass den USA nicht mehr zu trauen ist. Die Tragfähigkeit der US-Schulden könnte dann schnell wieder zu einem dominierenden Thema werden.
Das Wirtschaftswachstum in den USA hält aktuell weiterhin an, jedoch muss sich Trump mit stark gestiegenen Lebenshaltungskosten im Land auseinandersetzen. Seine Ideen zur Lösung dieses Problems haben alle eines gemeinsam: den Einsatz fiskalischer Anreize, was die Lage langfristig höchstwahrscheinlich verschlimmern wird. Dennoch könnte die Trump-Regierung diesen Kurs angesichts der bevorstehenden Mid-Term Wahlen im November fortsetzen. Eine starke Wirtschaft mit anhaltend hoher Inflation ist jedoch keine gute Ausgangsbasis für die Renditen von US-Staatsanleihen.
Kurzfristig könnten die Renditen auch durch die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs über die Rechtmäßigkeit der von Trump verhängten Zölle unter Druck geraten. Diese Entscheidung wird in diesen Tagen erwartet und würde sich insbesondere auswirken, wenn der Oberste Gerichtshof entscheidet, dass die erhobenen Zölle zurückgezahlt werden müssen. Dies ist jedoch nicht unsere Ausgangsszenario. Darüber hinaus wird Trump möglicherweise bereits nächste Woche seinen neuen Fed-Vorsitzenden vorstellen, wobei die Märkte interpretieren werden inwieweit der Kandidat die Unabhängigkeit der Fed beeinflussen könnte.
Die Unsicherheit bleibt daher bestehen, hat sich jedoch eher in Richtung höherer Renditen, Inflations- und Schuldennachhaltigkeitsbedenken verschoben. Vor diesem Hintergrund erwarten wir eine weitere Versteilerung der Renditekurve für US-Staatsanleihen. Bei auf Euro lautenden Investment-Grade-Unternehmensanleihen sind höhere Spreads bei als bei Staatsanleihen (einschließlich peripherer Staatsanleihen) möglich, wenn sich die Risiken eher in Richtung höherer Renditen und Schuldennachhaltigkeit als in Richtung Rezession verschieben.
Redaktionsschluss: donnerstags, 15:00 Uhr