
CIO Insights: Power of Geopolitics
Wir schreiben gerade die erste Märzwoche des Jahres 2026 – aber mit Blick auf die geopolitischen Ereignisse fühlt es sich an, als ob bereits ein ganzes Jahr vergangen wäre.
Der Krieg zwischen Russland und Ukraine hat sich zum vierten Mal gejährt. Die Spannungen um Venezuela haben zu Jahresbeginn erneut Fragen nach politischer Stabilität und Ölversorgung aufgeworfen. Und nun hat sich am vergangenen Wochenende eine weitere Eskalation materialisiert, die bereits seit Wochen im Bereich des Möglichen war: Militärische Schläge der Vereinigten Staaten und Israel gegen Iran, gefolgt von iranischen Gegenangriffen auf US-Einrichtungen in der Region. Rückblickend auf die seit Jahresanfang geführten Kundengespräche dominiert ein Thema: Die geopolitische Lage wirkt fragiler denn je. Und dennoch bleiben die Kapitalmärkte bemerkenswert ruhig. Warum?
Wettbewerb als Grundmuster internationaler (Geo-)Politik
In unserem Jahresausblick für 2026 fokussieren wir drei Themen: Wandel, Wachstum und Wettbewerb. William Durant formulierte in „The Lessons of History“ viele zeitlose Grundprinzipien der Menschheitsgeschichte, Prinzipien, die die Wendungen und Entwicklungen der Menschheitsgeschichte helfen zu erklären. Eines dieser Prinzipien besagt, dass Menschen – und damit auch Staaten – innerhalb von Gruppen kooperieren, um gegenüber anderen Gruppen Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Es entsteht ein „Wir“, welches mit einem „Sie“ konkurriert. Kooperation ist, geschichtlich betrachtet, kein Selbstzweck, sondern strategisches Instrument im Wettbewerb um Macht, Ressourcen und Sicherheit. Dieses Muster prägt auch unsere Gegenwart. Staaten bündeln militärische, technologische und wirtschaftliche Ressourcen, um ihre relative Position im globalen Gefüge zu stärken. Der Krieg in Osteuropa, die Spannungen in Lateinamerika, die Eskalation im Nahen Osten – sie folgen alle derselben Logik: Gruppenbildung im Wettbewerb. Neu ist nicht die Rivalität. Neu ist ihre Gleichzeitigkeit. Wir erleben keine isolierten Krisen, sondern eine Phase struktureller Konkurrenz zwischen regionalen und globalen Akteuren. Bündnisse werden gefestigt, Einflusszonen definiert, Lieferketten strategisch neu ausgerichtet. Politik denkt wieder stärker in relativen Machtkategorien. Doch Kapitalmärkte denken anders.
Warum Märkte nicht in extreme Panik verfallen
Finanzmärkte bewerten Ereignisse primär durch eine ökonomische Linse. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie dramatisch ein Konflikt politisch ist, sondern ob er Wachstum, Inflation, Liquidität oder finanzielle (systemische) Stabilität dauerhaft verändert.
Spätestens seit der Corona Pandemie und dem Krieg in Europa sind geopolitische Risiken Teil der Normalität geworden. Anleger haben gelernt, zwischen kurzfristiger Eskalation und systemischer Destabilisierung zu unterscheiden. Risiko wird oft schnell eingepreist mit teilweise sehr starken Ausschlägen im Kontext risikoreicher Anlagen und Flucht in „sichere Anlagen“:
- Gold profitiert als geopolitisches Absicherungsinstrument
- Ölpreise steigen, wenn Versorgungsrisiken drohen
- Verteidigungsaktien steigen, wenn Kriege ausbrechen
- Aktienmärkte korrigieren aufgrund erhöhter Unsicherheit.
Nach der ersten Reaktion erfolgt dann eine differenziertere Betrachtung der Krise durch den Kapitalmarkt. Und zwar im Kontext der allgemein gültigen Koordinaten wie insbesondere Inflations- und Wachstumserwartungen. Kommen die Marktanleger zu der Auffassung, dass diese beiden Parameter nicht wesentlich beeinflusst sind, so korrigiert der Markt die Übertreibung des ersten Moments. Gerade heute trifft mehr denn je zu, dass die globale Wirtschaft diversifizierter ist als in früheren Krisenphasen. Strategische Reserven, alternative Energiequellen und spätestens seit der Pandemie flexiblere Lieferketten wirken dämpfend. Selbst bei erhöhten Spannungen bleibt der fundamentale Wachstumsrahmen zunächst intakt, und damit auch die Gewinnaussichten für die Unternehmen. In der aktuellen Krisensituation folgt die Marktmechanik weitgehend dem beschriebenen Muster. Eine Ausnahme zeigt sich jedoch beim Gold: Aufgrund der zuvor sehr ausgeprägten Positionierung kam es gestern zu einem Abverkauf. Marktteilnehmer realisierten Gewinne, anstatt ihre Allokationen weiter auszubauen.
Die entscheidenden ökonomischen Übertragungskanäle des Konfliktes im Nahen Osten
In der aktuellen geopolitischen Eskalation sind zwei mögliche systemische Transmissionen relevant:
Ölpreis
Der Nahe Osten bleibt ein zentraler Energieproduzent. Ein anhaltender Ölpreisanstieg würde:
- Inflationsdruck erhöhen
- Konsum schwächen
- Unternehmensmargen belasten
Vor der aktuellen Eskalation war ein Teil dieser Risiken bereits eingepreist; der Ölpreis ist seit Jahresanfang zweistellig gestiegen. OPEC+ signalisierte gleichzeitig, bei Bedarf zusätzliche Kapazitäten bereitzustellen. Ein temporärer Preisanstieg ist verkraftbar – ein nachhaltiger Angebotsschock wäre es nicht und hätte größere Implikationen.
Straße von Hormus
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Energiehandelsrouten weltweit. Sollte die Passage längerfristig beeinträchtigt werden, hätte dies unmittelbare Auswirkungen auf Ölpreise und Inflationserwartungen. Derzeit sehen wir erhöhte Versicherungsprämien und operative Unsicherheiten. Wichtig ist: Sowohl große Ölimporteure wie Indien und China als auch Exporteure wie Saudi-Arabien haben ein starkes ökonomisches Interesse an offenen Handelswegen. Diese gegenseitige Abhängigkeit wirkt stabilisierend.
Fazit
Die jüngste Eskalation fügt sich in das strukturelle Wettbewerbsumfeld ein. Sie ist kein isolierter Bruch, sondern Teil eines Systems multipler Rivalitäten. Staaten agieren strategisch, kalkulieren Kosten und suchen Abschreckungsgleichgewichte. Potenzielle Kooperation innerhalb von Gruppen dient dabei dem Ziel, relative Vorteile zu sichern – eine Konstante der Geschichte, wie Durant es beschreibt. Kapitalmärkte hingegen orientieren sich an Wahrscheinlichkeiten. Sie reagieren auf fundamentale Veränderungen – nicht auf jede politische Eskalation. Solange Konflikte regional begrenzt bleiben und keine strukturelle Wachstums- oder Finanzkrise auslösen, bleiben Marktreaktionen kurzfristig. Die Eskalation rund um Iran ist ernst zu nehmen, sie hat durchaus Potenzial, sich auf Inflationserwartungen und Wachstumserwartungen auszuwirken und damit den Kapitalmarkt auch langfristig zu bewegen. Damit müssen systemische Risiken – insbesondere über Energiepreise und Handelsrouten – in den nächsten Wochen beobachtet werden. Doch bislang überwiegt ein Muster, das wir aus früheren Krisen kennen: erhöhte Volatilität, selektive Risikoaufschläge – aber zumindest aktuell keine großangelegte Flucht aus Risikoanlagen. Fakt ist, dass es noch zu früh ist, um die Auswirkungen dieser Krise final bewerten zu können, da weder die Dauer noch das tatsächliche Ausmaß zum jetzigen Zeitpunkt klar sind. Daher arbeiten wir mit unterschiedlichen Szenarien, die je nach Verlauf des Geschehens stärker oder weniger stark gewichtet werden. Und genau darin liegt der große Unterschied: Politik denkt in Macht. Märkte denken in Wahrscheinlichkeiten. Und solange das positive globale Wachstumsbild, die positive Gewinndynamik der Unternehmen bzw. fiskalischer und monetärer Rückenwind anhalten, werden die Kapitalmarktanleger dem Rechnung tragen und die geopolitischen Verwerfungen – so tragisch sie sind – als einen Volatilitätsimpuls einordnen, um sich dann wieder auf die positiven Fundamentaldaten zu besinnen.
Verantwortlich: ABN AMRO Bank N.V. Frankfurt Branch
Stand: 3. März 2026
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