Wochenkommentar: Der Nahe Osten und der Ölpreis

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Qassem Soleimani, der Kommandant der iranischen Quds-Einheit, wurde am Freitag, 3. Januar, im Irak durch einen US-Drohnenangriff getötet. Am Mittwoch der darauffolgenden Woche übte der Iran Vergeltung und feuerte Raketen ab, die in Sanddünen neben einem US-Militärstützpunkt im Irak einschlugen.

US-Präsident Donald Trump antwortete auf Twitter: „Alles ist gut.“ Es folgte ein Seufzer der Erleichterung, und die Märkte erholten sich wieder. Der Ölpreis fiel auf das Niveau von Mitte Dezember 2019. Beide Seiten haben ein Interesse daran, eine direkte Konfrontation zu vermeiden. US-Präsident Trump forderte Verhandlungen mit dem Iran, wir gehen aber davon aus, dass der Konflikt alles andere als ausgestanden ist.

Das irakische Parlament beschloss, ausländische Truppen des Landes zu verweisen. Ob dieser Beschluss auch umgesetzt wird, ist aber noch unklar. Darüber hat die irakische Regierung noch nicht abgestimmt. Außerdem haben die USA dem Irak mit Sanktionen gegen die Ölexporte des Landes gedroht, sollte er tatsächlich die US-Truppen des Landes verweisen; das könnte die Lage grundlegend verändern. Es wäre nicht nur eine Ironie der Geschichte, nachdem die USA bei allen früheren Krisen um jeden Preis versucht hatten, Iraks Rohölexporte zu sichern. Mit 4 % der weltweiten Ölproduktion würden sich daraus auch ernsthafte Konsequenzen für das weltweite Ölangebot ergeben. 

Solange die geopolitischen Spannungen nicht zu tatsächlichen Produktionsunterbrechungen führen, dürften sich unserer Einschätzung nach jegliche Steigerungen des Ölpreises als kurzlebig erweisen. Die Marktpreise deuten darauf hin, dass der Stress, der von einer möglichen Angebotsknappheit ausgeht, nur sehr kurzfristige Auswirkungen haben dürften. Doch da trotz der OPEC-Produktionskürzungen weltweit immer noch mehr Öl produziert als nachgefragt wird und zudem auch noch strategische Ölreserven vorgehalten werden, wird es auf kurze Sicht keine Ölknappheit geben.

Anleihen: Déjà-vu 

Im Dezember 1998 titelt die New York Times „Impeachment-Abstimmung im Repräsentantenhaus verzögert, weil Clinton einen Luftangriff auf den Irak befohlen und mit der militärischen Notwendigkeit eines schnellen Handelns begründet hat“. Ein Vergleich mit dem jüngsten von US-Präsident Donald Trump angeordneten Drohnenangriff auf General Soleimani im Irak drängt sich auf. 

Doch der aktuelle Luftangriff könnte gravierendere Folgen haben als der von Clinton befohlene vor mehr als 20 Jahren. Die Rendite auf zehnjährige Treasuries erreichte als Reaktion auf die Militäraktion kurzzeitig ein Tief von 1,705 % und erholte sich anschließend auf 1,90 %. Wenn sich die Erholung des weltweiten Wachstums fortsetzt, könnte die Rendite bis zu wichtigen Widerständen bei 1,96 % und 2,01 % steigen. 

Die diese Woche anstehenden Kerninflationsdaten dürften klar anzeigen, dass sich die US-Inflation in der Nähe der von der Fed ausgegebenen Zielmarke befindet. Auf kurze Sicht dürfte die Teuerung aber nicht darüber hinaus steigen. Das bereits erwähnte Niveau dürfte für die Rendite auf zehnjährige US-Treasuries erst einmal eine Obergrenze darstellen. Das gemeinsame Unterzeichnen der „Phase-Eins-Vereinbarung“ am 15. Januar dürfte an den Anleihemärkten keine große Beachtung finden, aber die Unsicherheit über „Phase zwei“ wird die Renditen wohl nach oben begrenzen.

In Europa richten sich die Blicke erneut auf Italien. Bis zum 12. Januar hatte der italienische Senat Zeit, ein Referendum über ein Gesetz anzusetzen, das die Zahl der Senatoren und Parlamentsabgeordneten um ein Drittel reduziert. Das könnte die Spannungen erhöhen, ist aber nicht unser Basisszenario. 

Zwei Regionalwahlen am 26. Januar – eine in Emilia Romagna, die andere in Kalabrien – dürften die Marktteilnehmer ebenfalls im Auge behalten. Deshalb dürften die Risikoaufschläge auf italienische Staatsanleihen in den kommenden zwei Wochen volatil bleiben. Die Spannungen innerhalb der Regierung könnten schnell zunehmen, wenn die Oppositionspartei die Regionalwahlen für sich entscheidet und die Zahl der Abgeordneten im Parlament aufgrund des Referendums sinkt. 

Auch in Spanien gibt es weiterhin Zweifel. Dort muss sich erst noch zeigen, ob die neue Regierungskoalition stabil genug für eine volle Legislaturperiode ist. Dennoch dürfte die italienische Politik nicht zu einem nennenswerten Anstieg der Risikoaufschläge auf italienische Staatsanleihen führen. 

Die weitere Entwicklung in Europas Peripherieländern dürfte die Rendite auf deutsche Staatsanleihen auf einem (sehr) niedrigen Niveau halten – trotz einiger Hinweise auf eine konjunkturelle Erholung in der Eurozone. Wir ziehen weiterhin spanische Staatsanleihen italienischen Papieren vor. …

Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung.


Foto: sokolovsky / Shutterstock.com

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