Wochenkommentar: Zinssenkung verhallt am Markt

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Nach dem Markteinbruch der Vorwoche aufgrund des Coronavirus hat die US-Notenbank Fed eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Wirtschaft zu stützen. Gleichzeitig ging Joe Biden als Überraschungssieger aus dem sogenannten Super Tuesday bei den US-Vorwahlen hervor.

Die US-Fed versuchte, den Einbruch der Märkte mit aufmunternden Worten aufzuhalten – allerdings vergeblich. Deshalb senkte sie dann im Rahmen einer Notfallmaßnahme den Leitzins um 50 Basispunkte. Die Zinssenkung an sich war keine Überraschung, aber die meisten Beobachter hatten erst bei der regulären Fed-Sitzung am 18. März damit gerechnet.

Am heutigen Montagmorgen reagieren die globalen Aktienmärkte nochmals mit einer Korrekturwelle. Die Kursverluste wurden von der Ankündigung Saudi-Arabiens ausgelöst, die Erdölfördermenge des Landes kurzfristig um 20% auszuweiten. Damit lässt Saudi-Arabien den Konflikt mit Russland eskalieren, die sich zuvor nicht mehr auf eine gemeinsame Linie und eine Verlängerung der Förderbegrenzung einigen konnten. In der Folge sank der Ölpreis über Nacht um 30%.

Weltweit dürften Regierungen und Notenbanken zu stützenden Maßnahmen greifen. Der Zinssenkung in der vergangenen Woche war eine Telefonkonferenz mit Notenbankern und Finanzministern aus anderen G7-Ländern vorausgegangen. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos bestätigte, dass der Zinsausschuss der EZB ebenfalls bereit sei zu handeln. Darüber hinaus steht im Raum, KMUs (kleinen und mittleren Unternehmen) den Zugang zu Krediten zu erleichtern. Die Aussicht auf längerfristig niedrigere Zinsen hat sowohl in Europa als auch in den USA dazu geführt, dass Finanzaktien stärker fielen als der Gesamtmarkt.

Während die Zahl neuer Corona-Infektionen in China zurückgeht, zeigen sich die Auswirkungen des Virusausbruchs in einer Reihe von Wirtschaftsindikatoren. Die Stimmung im produzierenden Gewerbe in China fiel auf den niedrigsten Stand denn je (35,7), das heißt sogar noch tiefer als bei der Finanzkrise von 2008. Und auch der Caixin Services PMI (Einkaufsmanagerindex für das Dienstleistungsgewerbe) fiel auf ein Allzeittief.

In den USA fanden am Super Tuesday in 14 Bundesstaaten Vorwahlen und/oder sogenannte Caucuses (Mitgliederversammlungen) der Demokratischen Partei statt. Am amerikanischen Aktienmarkt kam das Ergebnis gut an, denn im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten kristallisierte sich Joe Biden als Hauptwettbewerber von Bernie Sanders heraus. Aktien aus dem Gesundheitssektor, insbesondere Aktien von Krankenversicherungen, haben von Bidens Erfolg am stärksten profitiert. Biden unterstützt nämlich nicht die umstrittenen Gesundheitsreformpläne von Bernie Sanders.

Sanders ist ein starker Verfechter von „Medicare-for-All“. Bei diesem Konzept würde ein Teil des Gesundheitswesens verstaatlicht, wodurch 5 bis 30 Prozent des privaten Krankenversicherungsgeschäfts (je nach Unternehmen) wegfielen. Die Chancen, dass sich Medicare-for-All durchsetzen lässt, sind allerdings sehr gering. Dazu müsste Sanders nicht nur den Nominierungswettstreit gegen Biden gewinnen, sondern anschließend auch den Präsidentschaftswahlkampf gegen Trump. Darüber hinaus müssten die Demokraten vermutlich eine Mehrheit im aktuell noch von den Republikanern dominierten Senat erhalten, um das Gesetz tatsächlich verabschieden zu können. Sanders‘ größte Hürde dürfte aber wohl die Demokratische Partei selbst sein, denn viele seiner Parteifreunde sind strikt gegen Sanders‘ Plan. Der Glaube der Amerikaner an freie Märkte ist sehr stark.

Anleihen: große Marktbewegungen

Seit Anfang 2020 ist die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen (Treasuries) von 1,917 % auf ein Tief bei 0,90 % am Montag, dem 2. März, gefallen. Am vergangenen Dienstag beschloss die US-Zentralbank Fed nach einer Telefonkonferenz mit weltweit führenden Finanzministern und Notenbankern und kurz nach Handelsbeginn in den USA eine Zinssenkung um 50 Basispunkte. Dieser Vorsorgemaßnahme waren bereits geldpolitische Lockerungen in Australien, Malaysia und Kanada vorausgegangen. Zentralbanken mit geldpolitischem Spielraum greifen ein, um größere Verwerfungen an den Finanzmärkten zu verhindern. Fed-Chef Jerome Powell äußerte sich zur Maßnahme der Fed sehr deutlich: „Das Coronavirus ist ein wachsendes Risiko für die Konjunktur.“

Unser Haus hat angesichts der weltweiten Ausbreitung des Virus vergangene Woche ihre Konjunkturprognose nach unten korrigiert. Weitere Zinssenkungen der Fed sind zu erwarten, denn wir rechnen mit einer weiteren Schwäche des globalen Wachstums im ersten Halbjahr und in geringerem Maße auch noch im dritten Quartal. Danach dürfte im vierten Quartal und Anfang 2021 ein starker Aufschwung folgen. Die USA dürften im ersten Halbjahr einer Rezession knapp entgehen und im zweiten Halbjahr eine Erholung verzeichnen.

In der Eurozone ist im ersten Halbjahr eine leichte technische Rezession zu erwarten, denn hier wird das Coronavirus das Wachstum belasten. Zusätzliche geldpolitische Maßnahmen und eine gewisse fiskalische Unterstützung dürften dem virusbedingten wirtschaftlichen Schaden entgegenwirken. Für das Ende des Jahres und für 2021 haben wir unsere Wachstumsprognosen leicht angehoben.

Das Tempo des Renditerückgangs bei US-Staatsanleihen ist außergewöhnlich. Am heutigen Montagmorgen sanken die Renditen von deutschen Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 10 Jahren weiter auf ein Niveau von -0,83%. Die US-amerikanischen Pendants rentieren bei 0,46%. Die Entwicklung der vergangenen zwei Wochen war der größte Rückgang seit August 2011. Innerhalb dieser deutlichen Rally (bei der die Anleiherenditen fallen und die Kurse steigen) hat die Volatilität zugenommen.

 

Für Anleiheinvestoren bevorzugten wir weiterhin Schwellenmarktanleihen in harten Währungen und Investmentgrade-Unternehmensanleihen. Staatsanleihen der Eurozonenkernländer halten wir aufgrund der negativen Renditen nur in begrenztem Umfang. Hochzinsanleihen empfehlen wir derzeit ebenfalls nicht.

Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung.


Foto: Ersler Dmitry / Shutterstock.com

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