Wochenkommentar: Große Unterschiede in Europas Industrie

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Im Juli ist die Industrieproduktion der Eurozone den neunten Monat in Folge gegenüber dem Vorjahresmonat zurückgegangen. Das Minus betrug -2,0 % und war damit etwas geringer als die -2,4 % vom Juni. Diese Gesamtentwicklung verbirgt aber bemerkenswerte Unterschiede auf Länderebene.

In der Industrienation Deutschland fällt die Entwicklung schlechter aus als in den meisten anderen Ländern. Die Industrieproduktion ging in Deutschland im Juli um 4,2 % gegenüber dem Vorjahr zurück; in Frankreich betrug das Minus nur -0,2 %. Dies hat damit zu tun, dass Deutschland deutlich stärker vom Welthandel und der weltweiten Konjunktur abhängt, und dass es hierzulande einige sektorspezifische Probleme gibt, vor allem in der Automobilindustrie. 

EZB-Präsident Mario Draghi hat die Bundesregierung aufgefordert, fiskalpolitische Unterstützung zu leisten. Deutschen Presseberichten zufolge sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz, Deutschland sei bereit, einer Wirtschaftskrise mit „vielen, vielen Milliarden Euro“ entgegenzuwirken, er sei aber nicht der Meinung, dass Deutschland in einer Wirtschaftskrise stecke. Scholz zufolge hat sich die Konjunktur im Land vor allem aufgrund der schwächeren weltwirtschaftlichen Entwicklung und der Brexit-Unsicherheit abgekühlt. Der Minister wiederholte, die Regierung werde im kommenden Jahr erneut einen ausgeglichenen Haushalt haben und das Land gebe nächstes Jahr wie geplant keine neuen Schuldtitel aus. 

Aktien: Positive Dynamik

Die Aktienmärkte setzten vergangene Woche ihre positive Dynamik fort; der S&P 500 notierte erneut über der Marke von 3000 Punkten. Die EZB kündigte an, den Einlagensatz für Banken um weitere 10 Basispunkte zu senken und ein zeitlich nicht begrenztes Anleihekaufprogramm zu starten. Darüber hinaus wird ein zweistufiges Einlagenzinssystem eingeführt, bei dem ein Teil der überschüssigen Liquidität von Banken von den Negativzinsen ausgenommen wird. 

Unterdessen sind China und die USA in ihrem Handelskrieg wieder aufeinander zugegangen. Die USA werden die Umsetzung weiterer Zölle um zwei Wochen verschieben, und China hat bestimmte Zölle wieder gestrichen und erwägt Berichten zufolge, den Import von US-Agrarprodukte wieder zu erhöhen. In den nächsten zwei Wochen sollen die Handelsgespräche fortgeführt werden. 

Aus Sektorperspektive gab es vergangene Woche sehr unterschiedliche Entwicklungen an den Aktienmärkten. Am besten laufen dieses Quartal bisher defensive Sektoren wie nicht zyklischer Konsum, Versorger und Immobilien. Die vergangene Woche bildete eine Ausnahme. Vor dem Hintergrund, dass sich die Renditen auf amerikanische und deutsche Staatsanleihen von ihren Tiefs erholten und die Marktteilnehmer den Ausgang der EZB-Sitzung vom Donnerstag antizipierten, entwickelten sich Finanzen und andere zyklische Sektoren besser. Momentan bevorzugen wir Informationstechnologie, Kommunikationsdienstleistungen und Gesundheit, während wir Industrie, den nicht zyklischen Konsum und Finanzen negativ beurteilen. Die verbleibenden Sektoren stufen wir neutral ein.

Anleihen: EZB in Aktion 

Die Europäische Zentralbank (EZB) kündigte am vergangenen Donnerstag ein weiteres Stützungspaket für die schwächelnde Wirtschaft der Eurozone an und bekräftigte damit auch ihre Absicht, den Inflationsausblick zu verbessern. 

Zum einen wird die Zentralbank den Einlagenzins um weitere 10 Basispunkte auf -0,50 % senken. Zum anderen nimmt sie ab 1. November ihr Anleihekaufprogramm mit einem monatlichen Volumen von EUR 20 Mrd. wieder auf und will es so lange wie nötig aufrechterhalten. Das monatliche Kaufvolumen liegt unter den Erwartungen der Analysten, die von EUR 30–40 Mrd. ausgegangen waren.

EZB-Präsident Mario Draghi sagte gleichzeitig aber auch sehr deutlich, dass die expansive Politik der EZB durch weitere fiskalische Maßnahmen aus Brüssel unterstützt werden müsste, um die schwache europäische Wirtschaft zu stützen. Mit einer Kombination aus komplementären geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen könnte es in der Eurozone wieder aufwärts gehen. 

Dies war die letzte Sitzung unter der Leitung von Mario Draghi, und sie war eine Herausforderung. Der EZB-Rat wird seit einiger Zeit von Falken unter Druck gesetzt, die eine aggressivere Geldpolitik befürworten. Vor diesem Hintergrund versuchte Draghi eine klare Botschaft zu senden. Bei der Pressekonferenz sagte Draghi, es sei ihm gelungen, alle Mitglieder des Beschlussgremiums von einer klaren Linie zu überzeugen. 

Die EZB war die erste auf der Liste der Zentralbanken, die ihre Geldpolitik angepasst hat. Jetzt folgen Sitzungen der Federal Reserve in den USA (18. September), der Bank of Japan (19. September) und der People’s Bank of China (20. September). 

Von der Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Fed in dieser Woche erwarten wir die Ankündigung, dass die Zentralbank 2019 weitere Zinssenkungen beabsichtigt. Gemäß unseren Prognosen ergäbe sich ein Leitzins von 1,50 % für Ende des Jahres. Die Bank of Japan dürfte ihre Zinsen auf einem expansiven Niveau halten. In China rechnen wir damit, dass die Notenbank weiterhin eine deutliche geldpolitische Lockerung anstrebt. Wenn alle großen Zentralbanken einen expansiveren Kurs einschlagen, könnten die Geldpolitiker in Schwellenländern eine Chance sehen, ihre Leitzinsen ebenfalls zu senken. Dies war 2017 und 2018 nicht möglich.

Auswirkungen der EZB-Politik

Die vergangene Woche angekündigten Maßnahmen der EZB werden weiterhin Investment-Grade-Unternehmensanleihen unterstützen. Während des Kaufprogramms werden die Investoren vermutlich auch nach anderen Möglichkeiten suchen. Dann könnten die Schwellenländer in den Fokus rücken. Und wenn die US-Fed ihre Zinssenkungen fortsetzt, könnten auch US-Hochzinsanleihen eine Chance bieten. 

Alles in allem ist es angesichts der starken Unterstützung durch führende Zentralbanken wahrscheinlich, dass immer mehr festverzinsliche Wertpapiere näher in Richtung Nullrendite (oder sogar darunter) rutschen. Die Anleihemarktsegmente, die noch eindeutig positive Renditen bieten, werden immer weniger. In so einem Umfeld ist es schwer, das richtige Risiko-Chancen-Gleichgewicht zu finden. Die Notenbanker müssen den Märkten und den Investoren durch eine aktive Informationspolitik mit regelmäßigen Daten die Richtung vorgeben. Natürlich wäre es hilfreich, wenn die europäischen Länder ihre jeweilige nationale Wirtschaft mit entsprechenden fiskalpolitischen Maßnahmen unterstützten. Wir treten in eine neue Phase ein, in der es ungemütlich werden kann, deshalb ist es jetzt umso mehr an der Zeit, wachsam zu sein.  Die Zentralbanken sollten Schritte unternehmen, um die Investoren zu beruhigen, damit sie in Anleihen investiert bleiben, auch wenn die Renditen in die Nähe der Nullmarke oder darunter fallen. …

Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung.


Foto: Eddy Galeotti / Shutterstock.com

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