Wochenkommentar: Entspannungssignale vor Weihnachten

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Bei den Parlamentswahlen in Großbritannien hat die Konservative Partei eine deutliche absolute Mehrheit errungen. Für alle, die auf ein zweites Referendum und letztlich auf einen Verbleib der Briten in der EU gehofft hatten, ist dieses Ergebnis eine Enttäuschung. Zumindest schafft es aber Klarheit: Brexit heißt Brexit. Boris Johnson führt Großbritannien aus der EU. Aller Voraussicht nach verlässt das Land Ende Januar die EU, vielleicht sogar schon früher. Das offizielle Austrittsdatum spielt aber keine große Rolle, denn es gibt einen Übergangszeitraum, in dem sich aus praktischer Sicht noch nichts verändert. Dieser Übergangszeitraum dauert laut Austrittsvertrag bis Ende 2020, kann aber verlängert werden.

Während dieser Zeit werden die Einzelheiten der künftigen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU verhandelt. Ein Jahr erscheint uns knapp, um einen umfassenden Vertrag auszuhandeln. Da niemandem damit geholfen ist, wenn Großbritannien ohne einen Vertrag ausscheidet, müssen wir davon ausgehen, dass der Übergangszeitraum erforderlichenfalls verlängert wird. Ein interessanter Aspekt des Wahlergebnisses ist, dass der Premierminister (PM) so eine deutliche Mehrheit hat, dass er sich nicht auf die schlimmsten Brexit-Hardliner verlassen muss. Somit besteht die Chance, dass der neue Vertrag einen relativ weichen Brexit bedeutet. Es wird Zeit, dass der PM auf die Wirtschaft hört. Die große Unbekannte sind die vielen neuen Abgeordneten der Tories, deren Haltung sich noch nicht einschätzen lässt.

Phase-1-Vereinbarung im Konflikt zwischen den USA und China

Die andere große Nachricht der vergangenen Woche war, dass die USA und China angeblich eine sogenannte „Phase 1“-Vereinbarung zur Beilegung ihres Handelsstreits getroffen haben. Diese Vereinbarung muss noch in einen rechtskräftigen Vertrag gegossen werden, das heißt, wir sind noch nicht am Ziel, aber es ist schon einmal ein positives Anzeichen. Die Vereinbarung sieht vor, dass China seine Importe von Agrargütern deutlich aufstockt. Zudem wird China seine Maßnahmen verschärfen, um Diebstahl von geistigem Eigentum von amerikanischen Unternehmen zu verhindern. Im Gegenzug werden die Amerikaner die neuen Zölle, die ab dem 15. Dezember in Kraft treten sollten, nicht einführen, und es ist sogar davon die Rede, die bisherigen Zölle abzubauen. Eine Senkung der bereits verhängten Zölle dürfte der Weltwirtschaft zusätzlichen Schwung verleihen. 

Aktien – kein Déjà-vu im Dezember

Das Jahresende rückt näher, und die Märkte scheinen relativ ruhig zu sein. Die aktuelle Marktlage steht in deutlichem Gegensatz zur Weihnachtszeit des vergangenen Jahres, als die Märkte getrieben von Rezessionsangst massiv einbrachen.

Vergangene Woche starteten die Märkte mit einem positiven Vorzeichen, nachdem der US-Beschäftigungsbericht besser ausgefallen war als erwartet. In der Folge sind vor allem die stärker zyklischen Teile des Markts gut gelaufen, was bisher dem Bild des aktuellen vierten Quartals gleicht. Dieser zugrunde liegende Trend steht in krassem Gegensatz zum zweiten und dritten Quartal, als die Investoren eindeutig vorsichtiger waren und sich vor allem auf defensive Unternehmen mit guter Bonität konzentriert hatten. 

Anleihen – die Zykluskorrektur überstehen 

Durch die jüngsten politischen Entspannungen könnte die positive Trendwende bei den gesamtwirtschaftlichen Frühindikatoren, die sich seit Neuem beobachten lässt, stärker werden. Jede Reduzierung von Unsicherheit wird von den Anleihemärkten schnell aufgenommen, und die Renditen sind schon wieder auf dem Weg nach oben. Vorerst halten wir diese Bewegung aber noch für überzogen, denn die positiven gesamtwirtschaftlichen Signale sind noch schwach. Zudem dürfte die geldpolitische Lockerung 2020 die Entwicklungen an den Anleihemärkten dominieren, auch wenn die Fed vergangene Woche die Zinsen nicht weiter gesenkt hat. 

Unternehmensanleihen profitieren weiterhin von der EZB, denn die Zentralbank hat im November erneut begonnen, Wertpapiere zu kaufen. Ihre Maßnahme bietet Schutz, die die Risikoprämien von Unternehmensanleihen sinken lässt. Doch dieses Jahr wurden auf Euro lautende Unternehmensanleihen in Rekordvolumen ausgegeben: Das monatliche Emissionsvolumen lag im Durchschnitt bei EUR 27 Mrd. Das Kaufprogramm der EZB macht nur einen Bruchteil davon aus. Deshalb könnte ein zukünftiger Rückgang der Nachfrage nach solchen Neuemissionen den Markt für Unternehmensanleihen schnell in Turbulenzen stürzen. Daher ist die Stabilität dieser Anleihen immer noch darauf angewiesen, dass es mit der Konjunktur weiter aufwärts geht. 

Die Risikoaufschläge bei Hochzins- und Schwellenmarktanleihen haben von den jüngsten Entwicklungen profitiert. Die Hochzinsmärkte haben sich in jüngster Zeit gut entwickelt. Sie erscheinen uns jetzt aber anfälliger, weil der Investorenschutz (in den Anleihebedingungen) so niedrig ist wie seit zehn Jahren nicht mehr und das Gefälle bei den Risikoprämien innerhalb dieses Anlageuniversums größer wird. Rund 8 % der Hochzinsanleihen sind „notleidend“ (das heißt, die Renditen dieser Anleihen liegen über 10 %), und dies gilt seit Kurzem nicht mehr nur für die niedrigsten Ratingstufen. Wir haben in der Vergangenheit gesehen: Wenn mehr als 10 % der Hochzinsanleihen „notleidend“ sind, kann dies zu einer Marktkapitulation führen. …

Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung.


Foto: jorisvo / Shutterstock.com

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