Wochenkommentar: Notenbanken im Fokus

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Erwartungsgemäß hat die EZB ihre Planvorgaben für die Leitzinsen geändert und die Möglichkeit von Senkungen signalisiert. In den Vorgaben heißt es jetzt, die EZB rechne damit, dass die Leitzinsen mindestens bis zur Jahresmitte 2020 – in jedem Fall aber so lange wie nötig – auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben.

Die Europäische Zentralbank (EZB) signalisierte in der vergangenen Woche, dass ein Paket mit Stützungsmaßnahmen unterwegs ist und vermutlich im September bekannt gegeben wird. EZB-Präsident Mario Draghi verwies außerdem mit wachsender Sorge auf den Inflationsausblick und brachte die Entschlossenheit der Notenbank zum Ausdruck, das Problem anzugehen. Das heißt, es könnten auch nach September noch weitere Stützungsmaßnahmen folgen. Insbesondere könnten die Nettoanleihekäufe auch 2020 noch anhalten.

Wir gehen davon aus, dass die EZB im September den Leitzins um 10 Basispunkte (Bp) senkt und in den darauffolgenden Monaten eine weitere Senkung um 10 Bp durchführt. Wir rechnen außerdem damit, dass die EZB bei der September-Sitzung die Wiederaufnahme der Anleihekäufe ankündigt und dass die tatsächlichen Käufe dann im Oktober beginnen. Bisher haben wir eine entsprechende Ankündigung im Dezember und den Beginn der Käufe im Januar erwartet. Wie bereits veröffentlicht nehmen wir an, dass die EZB zunächst eine neunmonatige Kaufrunde im Wert von EUR 70 Mrd. pro Monat und insgesamt EUR 630 Mrd. ankündigt. Unserer Einschätzung nach könnte das Programm relativ betrachtet mehr Käufe von Schuldtiteln staatlich geförderter Emittenten auf nationaler und regionaler Ebene sowie von Unternehmensanleihen beinhalten.

In Großbritannien gewann Boris Johnson das Rennen um die Führung der Konservativen Partei und zog als neuer Premierminister in Downing Street Nr. 10 ein. Als eine der ersten Amtshandlungen bildete er das Kabinett großflächig um und besetzte einige Ministerposten mit Verfechtern eines harten Brexits. Bei einer seiner ersten Reden als Premierminister versprach er, den Brexit am 31. Oktober „ohne Wenn und Aber“ umzusetzen.

Aktien: Berichtssaison in vollem Gange

Obwohl der Einkaufsmanagerindex (PMI) in Europa eingebrochen ist und der Einkaufsmanagerindex für die amerikanische Fertigungsindustrie die Marke von 50 Punkten und damit den niedrigsten Stand seit fast zehn Jahren erreicht hat, konnten die Aktienmärkte ihre Gewinne in der vergangenen Woche ausweiten. Die US-Indizes S&P 500 und Nasdaq verzeichneten neue Höchststände. Die stärksten Triebfedern waren über den Erwartungen liegende Unternehmensgewinne, die Nachricht, dass diese Woche eine US-Delegation nach China reist, um die Verhandlungen wieder aufzunehmen, und die wachsende Überzeugung, dass die Fed die Leitzinsen diese Woche um 25 Bp senkt (dafür sprechen auch die schwächeren Wirtschaftsdaten).

Seit Monatsbeginn haben mehr als 100 S&P-500-Unternehmen ihre Quartalszahlen vorgelegt. Bislang sind die Ergebnisse deutlich besser als befürchtet: 76 % der Unternehmen, die ihre Zahlen bereits veröffentlicht haben, konnten die Gewinnerwartungen übertreffen. Dabei lagen die Ergebnisse nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg 5 % über dem Konsens der Analysten. Die meisten positiven Gewinnüberraschungen verzeichneten die Sektoren Technologie, Gesundheitswesen und Industrie. Versorger, zyklischer Konsum und Grundstoffe waren weniger überzeugend. Doch auch wenn über den Erwartungen liegende Ergebnisse die Investoren kurzfristig beruhigen, trübt sich das Bild für das dritte und vierte Quartal dennoch ein. Die Analysten haben ihre Gewinnschätzungen für die zweite Jahreshälfte gesenkt, weil die Unternehmen ihre Vorgaben nicht erhöht haben. Sollten sich die Konsensprognosen der Analysten für die Unternehmensgewinne bis Ende des Jahres als zu optimistisch erweisen, könnten die Investoren in den kommenden Monaten bei ihren Aktienpositionen Gewinne mitnehmen.

Im IT-Sektor sehen sich wichtige Internetplattformen wie Amazon, Google und Facebook mit wachsendem Druck durch die Regulierungsbehörden konfrontiert. Nach dem USD 5 Mrd. schweren Vergleich, den Facebook mit der Federal Trade Commission in den USA geschlossen hatte, kündigte das US-Justizministerium am vergangenen Dienstag eine große kartellrechtliche Untersuchung an, die zeigen soll, wie der IT-Konzern seine Vormachtstellung auf dem Markt erlangt hat. Dies ist der Beginn eines sehr langen Prozesses. Fest steht aber, dass der aufsichtsrechtliche Druck für Onlineplattformen auf beiden Seiten des Atlantiks steigt.

Anleihen: Kennen die Notenbanken nur noch eine Richtung?

Als der US-Leitzins, die Fed Funds Rate, im vergangenen November bei rund 220 Basispunkten (Bp) lag, gingen die Investoren davon aus, dass er bis Ende 2020 um rund 70 Bp sinkt. Das würde drei Zinssenkungen entsprechen. Deshalb gehen die Märkte derzeit von mindestens drei Zinssenkungen aus. Die erste davon (25 Bp) soll schon diese Woche erfolgen. Ob diese Lockerungsmaßnahmen der US-Wirtschaft einen nennenswerten Schub geben, bleibt abzuwarten. Und wenn die Fed ihren Lockerungszyklus bis 2020 erst einmal begonnen hat, wird es ihr schwerfallen, den Kurs wieder zu ändern, wenn die Präsidentschaftswahl an Dynamik gewinnt, insbesondere im Sommer 2020. Die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen dürfte um die Marke von 2 % pendeln, bis die Pressekonferenz nach der Fed-Sitzung am kommenden Mittwoch und die Beschäftigungsdaten am Freitag weitere Impulse geben.

Ausgehend von den anhaltend schwachen Wirtschaftsdaten in der Eurozone hat die EZB bei ihrer Sitzung am Donnerstag die Planvorgaben geändert und sowohl Zinssenkungen als auch eine baldige Neuauflage des Anleihekaufprogramms vorbereitet. Wie das Lockerungsprogramm der EZB genau aussehen wird, ist noch unklar. Die Märkte rechnen damit, dass spätestens im September geldpolitische Maßnahmen erfolgen. Die Rendite auf 10-jährige Bundesanleihen, die erneut unter die Marke von -40 Bp und damit unter den Einlagensatz der Banken bei der EZB fiel, könnte definitiv noch weiter fallen. Kurzfristig ist nach wie vor eine Korrektur fällig, wobei das obere Limit der Handelsspanne bei -20 Bp liegt.

Die Anlageklasse, die vom aktuellen geldpolitischen Kurswechsel der amerikanischen Fed am meisten profitiert, sind Schwellenmarktanleihen. Solche Titel können für Investoren attraktiv sein, denn diese Länder wachsen schneller als die Industrieländer, haben geringere Schulden und können Strukturreformen bei Bedarf schnell umsetzen. Deshalb gehen wir nach wie vor davon aus, dass unterschiedliche länderspezifische Schwellenmarktstorys gute Werttreiber sein werden. …

Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung.


Foto: aboikis / Shutterstock.com

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