Wochenkommentar: Märkte widersetzen sich der Geopolitik

Aktuelle Nachricht -

Die Aktienmärkte bewegen sich weiterhin seitwärts, scheinen die geopolitischen Spannungen und die Sorgen wegen eines möglichen Handelskriegs vorerst gelassen hinzunehmen. Bis absehbar ist, wohin die Wortgefechte zu den Rahmenbedingungen im Welthandel führen und welche politische Grundrichtung Italien einschlägt, dürften die Märkte in ihrer Handelsspanne hin- und herpendeln.

An den Rentenmärkten ist Bewegung in die Renditen auf europäische Staatsanleihen gekommen. Zunächst sind die Renditen auf Schuldtitel der europäischen Kernländer aufgrund der politischen Situation in Italien gefallen (und die Renditen auf italienische Staatsanleihen gestiegen). Aber nach einer Reihe von überraschenden Nachrichten, unter anderem einer Rede des EZB-Chefvolkswirts, ist davon auszugehen, dass die Europäische Zentralbank ihre Nettoanleihekäufe früher beendet als erwartet oder zumindest entsprechende Absichten ankündigt. Dabei gibt es viele Unbekannte, unter anderem wie stark und wie lange die Notenbank ihre Anleihekäufe senkt. Die Einzelheiten sind in unseren Augen aber momentan nicht von Bedeutung. Das Volumen der Anleihekäufe ist bereits groß genug, um den Anleiherenditen einen dauerhaften Dämpfer zu verpassen. Die maßgeblichen Faktoren für die Anleiherenditen werden künftig Zeitpunkt und Verlauf von Zinserhöhungen sein. Deshalb denken wir, dass die Planvorgaben der EZB für die Zinsentwicklung entscheidend sein werden. Darüber hinaus glauben wir, dass Zinserhöhungen aufgrund des schwachen Inflationsdrucks und des unsicheren Wachstumsausblicks in der Eurozone weiter entfernt sind als derzeit an den Märkten eingepreist ist. Wir gehen davon aus, dass die EZB in dieser Woche einen expansiven Grundton anschlägt, das heißt in Bezug auf Zinserhöhungen keinen aggressiven Kurs vorgibt. Vor September 2019 rechnen wir nicht mit Zinserhöhungen der EZB. Mit der jüngsten Schwäche der Wirtschaftsdaten ist sogar eher das Risiko gestiegen, dass sie noch länger auf sich warten lassen.


Aktien – positive Dynamik

Für die Aktienmärkte war die vergangene Woche positiv. Die asiatischen Indizes konnten am stärksten zulegen, gefolgt von den amerikanischen. Europas Aktienmärkte verzeichneten kleine Gewinne. Passend zu dieser positiven Dynamik sind die meisten Sektoren gestiegen, mit Ausnahme von Versorgern und Energie. Spitzenreiter waren Grundstoffe und der zyklische Konsum.

Europas Stahlhersteller zeigten sich unbeeindruckt von den angekündigten Zöllen auf Stahl (25 %) und Aluminium (10 %). Sie profitierten von starken Wirtschaftszahlen und Chinas Absicht, die Stahlüberkapazität abzubauen. Insgesamt profitierten Aktien von guten Wirtschaftsdaten in den USA. Diese ließen das Vertrauen in die Stärke der US-Wirtschaft steigen. Es wurden mehr neue Stellen geschaffen als erwartet, und die Arbeitslosenquote fiel auf 3,8 % und damit auf den niedrigsten Stand seit 1970. Darüber hinaus deuten zukunftsgerichtete Stimmungsindikatoren auf eine Fortsetzung des Wirtschaftswachstums hin. Die Einkaufsmanager beurteilten die geschäftlichen Aussichten sowohl in der Fertigungsindustrie als auch im Dienstleistungssektor zuversichtlicher als erwartet.

Die Aktien von Versorgern zählten zu den schwächsten Gruppen. Der Sektor steht seit einigen Wochen unter Druck. In Europa leidet der Sektor unter den politischen Spannungen in Italien und Spanien, in den USA machten den Versorgern die steigenden Zinsen zu schaffen.


Anleihen – Situation in Italien nach wie vor instabil

Nachdem das Risiko von Neuwahlen in Italien zurückgegangen ist, suchen die Märkte nach Anhaltspunkten für den politischen Kurs und die Schwerpunkte der neuen populistischen Regierungskoalition des Landes. Die Risikoprämien auf italienische Staatsanleihen haben sich jüngst von überzogenen Ständen etwas erholt. In unseren Augen bleibt die Lage aber instabil, denn wir rechnen damit, dass es in den kommenden Monaten zu Auseinandersetzungen zwischen der italienischen Regierung und der EU in Bezug auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kommt. Dabei dürfte Italien eher versuchen, die EU-Regeln zu verändern, als aus dem Euro auszusteigen. Deshalb dürften die Märkte sehr von Schlagzeilen getrieben sein. Anders als Italien dürften Spanien und Portugal von Ratinganhebungen durch die Ratingagenturen profitieren. Dass Spanien jetzt eine neue sozialistische Regierung hat, wird an unserer Einschätzung vermutlich nichts ändern, denn diese Regierung dürfte sogar noch proeuropäischer sein als die alte.

Die neuesten positiven Entwicklungen im Handelskonflikt zwischen den USA und China waren von kurzer Dauer. Das Risiko, dass es in den kommenden Wochen zu einer neuerlichen Eskalation kommt, ist gestiegen, sodass die Rendite auf 10-jährige US-Staatsanleihen unterhalb des Widerstands bei 3 % in Wartestellung gegangen ist. Die Investoren konzentrieren sich jetzt auf den 15. Juni. Dann will US-Präsident Donald Trump eine konkrete Liste mit chinesischen Importwaren im Wert von USD 50 Mrd. bekannt geben, auf die Zölle erhoben werden sollen. Chinas Reaktion könnte die Risikobereitschaft der Investoren trüben.

Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung. 


Foto: ChiccoDodiFC / Shutterstock.com

Diesen Artikel empfehlen

Was können wir für Sie tun?

Kontaktieren Sie uns.