Wochenkommentar: Kommt der Motor ins Stottern?

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Die Aktienmärkte haben in der zurückliegenden Woche nachgegeben; US-Aktien verzeichneten am vergangenen Dienstag den größten Rückgang seit Oktober. Die Investoren suchten Zuflucht in Anleihen und drückten mit ihrer Nachfrage nach sicheren Anlagen die Renditen auf US-Staatsanleihen.

US-Präsident Donald Trump stellt die Geduld der Investoren auf die Probe, denn zu seinen Wachstumsinitiativen, etwa zum „phänomenalen“ Steuerplan und zur Auflösung von ObamaCare, hat er noch immer keine Einzelheiten vorgestellt. Die Aktienmärkte ließen weltweit nach, denn die Investoren realisierten Gewinne und gingen in Wartestellung. Finanztitel verzeichneten die stärksten Kursverluste, denn der Sektor leidet immernoch unter dem niedrigen Zinsniveau. Versorger entwickelten sich im Wochenverlauf am besten. Sie profitieren in der Regel von niedrigeren Zinsen.

Anleihemarkt-Update
Bei den Investoren wächst die Unsicherheit über Trumps Wirtschaftspläne, und so endet eine relativ ruhige Phase mit steigenden Aktienmärkten. Der sogenannte Reflations-Trade kam vergangene Woche schwer ins Stottern. Trump könnte größere Schwierigkeiten haben, seine wachstumsfreundlichen Gesetzesvorlagen durch den Kongress zu bekommen, als die Investoren angenommen haben. Die Renditen auf länger laufende US-Staatsanleihen gingen auf Wochensicht rund 10 Basispunkte zurück, und das Kreditrisiko ist gestiegen. Die Risikoaufschläge bei US-Hochzinsanleihen sind diesen Monat um rund 40 Basispunkte gestiegen und liegen jetzt über 415 Basispunkten.

In Europa scheint sich die Lage zu verbessern. Nach der Wahl in den Niederlanden und Marine Le Pens wenig überzeugendem Auftritt bei einer Fernsehdebatte lassen die Sorgen um einen Anstieg des Populismus in Europa nach. Der Renditeabstand zwischen Peripherieländern (einschließlich Frankreich) und Deutschland wird allerdings nicht kleiner. Dies hat vermutlich mit den jüngsten Gerüchten zu tun, die Europäische Zentralbank (EZB) erwäge eine andere Strategie für einen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik. 

Momentan hält die EZB an ihrer hyperexpansiven Politik fest, auch an negativen Leitzinsen. Jetzt wird spekuliert, die EZB könnte die Zinsen erhöhen, bevor sie ihre quantitative Lockerung beendet. So könnte die Zentralbank etwa den Einlagensatz anheben. Die aktuell niedrige Verzinsung der Zentralbankreserven ist für Banken problematisch, denn sie schadet dem Gewinn der Institute und zwingt diese, überschüssige Liquidität vorwiegend in qualitativ hochwertige Anlagen wie Staatsanleihen zu investieren. Doch die quantitative Lockerung der EZB erreicht allmählich die vorgegebenen Grenzen. Das bedeutet, momentan wäre die EZB nicht in der Lage, eine vorzeitige Verschärfung der finanziellen Konditionen infolge höherer Zinsen aufzufangen. Deshalb gehen wir weiterhin davon aus, dass die EZB den Einlagensatz erst anhebt, wenn sie die quantitative Lockerung beendet hat. Dennoch lassen Spekulationen zu diesem Thema die Euro-Anleiherenditen in gewissem Umfang steigen. Anleihen von europäischen Finanzunternehmen profitieren ebenfalls.

Das schließt nicht aus, dass sich die geografische Stimmungslage bald wieder ändert. Trump könnte doch noch kurzfristig Erfolge feiern, und das politische Klima in Europa ist alles andere als stabil. Fortsetzung folgt …

Makro-Update
Francois Villeroy de Galhau, Gouverneur der Banque de France und Mitglied des EZB-Rats, schlug bei einer Rede in Frankfurt am vergangenen Mittwoch expansive Töne an. Er stellte die Frage: „Sollten wir angesichts dieses Fortschritts die expansive Geldpolitik beenden?“ Und lieferte selbst die Antwort: „Zu diesem Zeitpunkt lautet die Antwort ganz klar: Nein.“ Er verwies auf die jüngsten positiven Entwicklungen und sagte: „Die Erholung erstreckt sich auch auf viele Länder der Eurozone, einschließlich Frankreich: Trotz einer gewissen vorübergehenden politischen Unsicherheit, die durch die bevorstehende Wahl zustande kommt, werden Frankreichs konjunkturelle Aussichten besser.“ Mit Blick auf die Inflation sagte Villeroy: „Wir haben die tödliche Gefahr der Deflation abgewehrt, und die Inflation ist dabei, sich im Euroraum allmählich wieder zu erholen.“

Sein Hauptargument war jedoch: „Ohne geldpolitische Anreize wäre die Erholung der Inflation in der Eurozone nicht tragfähig oder dauerhaft.“ Der Gouverneur der französischen Zentralbank machte diese Aussagen vor dem Hintergrund einer hitzigen Debatte zwischen den Mitgliedern des EZB-Rats. Ewald Nowotny hat sich dafür ausgesprochen, die Zinsen anzuheben, bevor die quantitative Lockerung beendet ist; Ignazio Visco argumentierte, eine kürzere Phase zwischen dem Ende der quantitativen Lockerung und der ersten Zinserhöhung könnte angemessen sein. Auf der anderen Seite sagte der EZB-Chefvolkswirt Praet, es gebe gute Gründe für die aktuell expansiven Planvorgaben, und Villeroy scheint diese Haltung zu unterstützen. Wir gehen davon aus, dass die EZB ihre Anleihekäufe im Lauf des Jahres 2018 zurückfährt und Anfang 2019 erstmals die Zinsen erhöht.

Devisenausblick
Eine der zentralen Fragen, die wir zu Devisen gestellt bekommen, lautet: Müssen wir mit einer weiteren Abwertung des britischen Pfunds rechnen? Unserer Einschätzung nach haben wir den Großteil der Schwäche hinter uns, und wir rechnen damit, dass sich der GBP/USD-Kurs dieses Jahr in der Nähe des aktuellen Niveaus stabilisiert. Einer der Gründe für diese Annahme besteht darin, dass wir davon ausgehen, dass die Brexit-Verhandlungen auf einen Kompromiss zwischen Freihandel und einer Einschränkung der Personenfreizügigkeit hinausläuft. 

Und, was vielleicht noch wichtiger ist: Ein Großteil der schlechten Nachrichten ist bereits eingepreist. Das britische Pfund hat auf handelsgewichteter Basis seit dem 12. Oktober 2016 keinen neuen Tiefstand mehr erreicht. Die Währung zeigte sich in letzter Zeit sogar sehr robust. Sie hat weder auf die Rückkehr der negativen Brexit-Schlagzeilen noch auf die unter den Erwartungen liegenden britischen Konjunkturdaten mit einer nennenswerten Abwertung reagiert. Im Gegenteil reagiert die Währung aber positiv auf erfreuliche Nachrichten wie über den Erwartungen liegende Wirtschaftsdaten für Großbritannien. 

Während die Stimmung an den Finanzmärkten relativ konstruktiv ist und die politischen Risiken sich auf die USA und die Eurozone beschränken, reagiert das britische Pfund hauptsächlich auf zyklische Nachrichten. Die Währung wertete auf, als am Dienstag über den Erwartungen liegende Inflationsdaten veröffentlicht wurden, weil die Konjunktur recht widerstandsfähig ist. Alles in allem signalisiert die Entwicklung des britischen Pfunds, dass ein Großteil der negativen Nachrichten und Brexit-Unsicherheit im aktuellen Preis bereits enthalten ist (...) 


Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung. 

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