Wochenkommentar: Fed zeigt sich geduldig

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Die Berichtssaison ist in vollem Gange, doch zeigt sie sich mit unterschiedlichen Gesichtern. Die meisten Unternehmen berichten solide Ergebnisse, und viele konnten die Erwartungen der Analysten übertreffen. Allerdings wurden die Gewinnerwartungen in den vergangenen Tagen bereits nach unten korrigiert.

2018 verzeichneten die Märkte eine erhebliche Volatilität, und es gibt keinen Grund davon auszugehen, dass sich daran 2019 viel ändern wird. Die Investoren kennen die Risiken. Dazu gehören der Handelsstreit zwischen den USA und China, der Brexit, die schwächelnde Konjunktur in Deutschland, Italiens Haushaltsstreit mit der EU und eine konjunkturelle Abkühlung in einer Reihe von Regionen. Darüber hinaus könnten noch weitere Probleme auftreten, die momentan noch nicht erkennbar sind. Doch alle aktuellen Schwierigkeiten lassen sich lösen, etwa mit einem guten Brexit-Deal, einer Erholung in der deutschen Automobilindustrie oder einer praxistauglichen Handelsvereinbarung zwischen den USA und China. 

Der S&P-500-Index liegt 11 % unter seinem Allzeithoch, und 11 % über dem Tiefstand vom Dezember. Hier stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Testen die Märkte das Hoch oder das Tief? Mit Sicherheit können wir das nicht sagen, aber wir können uns ansehen, was in der Vergangenheit passiert ist. Für die Panikverkäufe, die wir Ende Dezember erlebt haben, gibt es drei ähnliche Beispiele aus der Vergangenheit: August 2015, Juli 2002 und Mai 1962. In jedem dieser Fälle folgte zunächst ein tieferes Tief, und anschließend eine positive Entwicklung im zweistelligen Prozentbereich im Lauf der darauf folgenden zwölf Monate. 

Anleihen – ein Hoffnungsschimmer für risikobehaftete Titel

Der Markt für US-Staatsanleihen hat erkannt, dass sich das Kräftegleichgewicht in Washington verschoben hat, als US-Präsident Donald Trump im Streit mit der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, um die Finanzierung der von ihm geplanten Mauer an der Grenze zu Mexiko nachgeben musste. In der Folge dieser Machtverschiebung dürfte es schwieriger werden, zusätzliche fiskalische Anreize umzusetzen, wenn die Konjunktur nachlässt. Somit ist auch zu erwarten, dass die Fed gezwungen sein könnte, eine expansivere Haltung einzunehmen. Fed-Chef Jerome Powell bestätigte bei der jüngsten Pressekonferenz, dass die US-Notenbank im Hinblick auf weitere Zinserhöhungen geduldiger sein wird. Damit die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen über den aktuellen Widerstand bei 2,80 % steigen kann, muss die Inflation steigen, doch das ist momentan nicht der Fall. 

Der expansive Ton der US-Fed könnte ganz allgemein die Risikobereitschaft an den Anleihemärkten unterstützen, insbesondere in Schwellenländern, denn relativ betrachtet sind die Renditen nach wie vor attraktiv. Auch die Risikoprämien dürften auf kurze Sicht von den aktuellen Signalen profitieren – trotz negativer Faktoren wie einer Abkühlung des Gewinnwachstums amerikanischer Unternehmen, immer noch strenger werdenden Finanzierungskonditionen, einer konjunkturellen Abkühlung und anhaltenden politischen Risiken.

In der Eurozone wurde vergangene Woche die Sorge widerlegt, dass es nach dem Ende der Anleihekäufe durch die Europäische Zentralbank schwieriger sein würde, Anleihen zu begeben. Österreich, Belgien und Griechenland haben Staatsanleihen im Gesamtumfang von EUR 12,5 Mrd. emittiert. Gezeichnet worden waren hingegen mehr als EUR 65 Mrd. Die Rendite auf zehnjährige Bundesanleihen, die aktuell bei 17 Basispunkten liegt, preist vermutlich eine sehr ausgeprägte Risikoaversion der Rentenanleger ein.

Das schafft Potenzial für positive Überraschungen, jetzt wo die Handelsgespräche zwischen den USA und China in eine entscheidende Phase eintreten. Dieses Aufwärtspotenzial gilt auch für amerikanische Staatsanleihen. Eine abschließende Handelsvereinbarung bis zum Ende des zweiten Quartals ist immer noch möglich. Auf amerikanischer Seite bietet die Präsidentschaftswahl 2020 eine große Motivation, sich zu einigen.

Brexit-Backstop – warum er so wichtig ist

Der sogenannte Backstop ist ein heikler Teil des Austrittsvertrags zwischen Großbritannien und der EU – so heikel, dass die britischen Parlamentarier ihre Premierministerin Theresa May nach Brüssel zurückgeschickt haben, um nachzuverhandeln. Aber was ist der „Backstop“ – und warum ist er überhaupt von Bedeutung? ABN-AMRO-Chefvolkswirt Han de Jong erklärt die Angelegenheit. 

Der Backstop wurde im Dezember 2017 vereinbart. Hinter der Regelung steckt das Bestreben, eine harte Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland zu vermeiden. Wenn Großbritannien die EU im Rahmen eines Vertrags verlässt, ändert sich zunächst einmal nichts an den bestehenden Handelsvereinbarungen. Der Backstop sieht vor, dass Großbritannien, solange es keine langfristige Handelsvereinbarung gibt, in der Zollunion bleibt und Nordirland den Regeln des EU-Binnenmarkts unterliegt. Die Mehrzahl der britischen Abgeordneten befürchtet, dass der Backstop Großbritanniens EU-Austritt praktisch blockieren könnte, wenn es für die Backstop-Regelung weder eine Befristung noch die Möglichkeit einseitig davon zurückzutreten gibt.

Deshalb ist „keine harte Grenze“ für Irland so wichtig

Als die Republik Irland ihre Unabhängigkeit erreichte, wurde vereinbart, dass sechs der acht Grafschaften der Provinz Ulster weiterhin zum Vereinigten Königreich gehören würden. Dieser Teil der Vereinbarung von 1921 war natürlich umstritten, und die „Teilung“ Irlands führte von Ende der 1960er- bis in die 1990er-Jahre hinein immer wieder zu gewalttätigen Zwischenfällen. Das Karfreitagsabkommen von 1998 setzte der Gewalt ein Ende. Zur Grenze steht in diesem Abkommen nicht viel, außer dass die Militäreinrichtungen, an denen früher schwer bewaffnete britische Soldaten den ein- und ausgehenden Verkehr kontrolliert hatten, beseitigt werden sollten. Und sie wurden beseitigt. Die Grenze ist vollständig geöffnet. Jetzt wieder eine harte Grenze einzuführen, würden viele als eine Umkehr des Friedensprozesses betrachten, als eine gefährliche und völlig unerwünschte Entwicklung.

EU-Unterstützung für Irlands Haltung

In der Politik ist mit allem zu rechnen. Wenn sich Großbritannien mit der EU auf eine dauerhafte Zollunion einigt, von der jetzt gesprochen wird, wäre der Backstop nicht mehr nötig. Ohne eine solche Einigung werden Irlands Politiker unserer Einschätzung nach aber keiner Befristung des Backstops zustimmen. In diesem Punkt haben Irlands Politiker auch die volle Unterstützung der EU. Aktuell deutet nichts darauf hin, dass sich daran etwas ändert. Deshalb glauben wir, dass Theresa May mit ihren Bemühungen, ein Enddatum für den Backstop auszuhandeln, scheitern wird, wenn Großbritannien nicht seine Haltung zu einer Zollunion ändert. ...

Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung.


Foto: Orhan Cam / Shutterstock.com

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