Wochenkommentar: Maßnahmen der EZB erwartet

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Dass die Europäische Zentralbank (EZB) bald eine neue Runde von Unterstützungsmaßnahmen startet, gilt als ausgemacht. Jetzt fragen sich die Investoren, wie dieses Paket wohl aussehen wird.

In den vergangenen Tagen sind an den Märkten vermehrt Zweifel aufgekommen, ob das neue Unterstützungspaket, das die EZB im September ankündigen dürfte, auch eine quantitative Lockerung (QE) enthält. Die Analysten an den Märkten sind sich weitgehend einig, dass ein Programm zur quantitativen Lockerung, wenn es überhaupt kommt, relativ klein ausfallen wird (rund EUR 40 Mrd. pro Monat über einen Zeitraum von 12 Monaten).

Wir sind uns sicher, dass die EZB eine quantitative Lockerung vornimmt. Wir rechnen mit EUR 70 Mrd. pro Monat über einen Zeitraum von 12 Monaten. Die Begründung ist einfach: Ein Maßnahmenpaket ohne quantitative Lockerung hat keine Chance, die Lücke zwischen der Inflationsprognose und dem Inflationsziel der EZB für Ende 2021 zu schließen. Die Prognose liegt aktuell bei 1,6 %. Ohne Unterstützungsmaßnahmen würde sie sehr wahrscheinlich nach unten korrigiert werden. Gleichzeitig stellte EZB-Präsident Mario Draghi in einer Pressekonferenz vom Juli klar, dass die EZB 1,9% Inflation anstrebt. Die EZB wird eine Lücke von rund 0,4 bis 0,5 Prozentpunkten schließen müssen.

EZB-Chefvolkswirt Philip Lane hielt vergangene Woche eine Rede, in der er die geschätzte Wirkung unterschiedlicher Elemente der unkonventionellen Maßnahmen der EZB auf Wachstum und Inflation im Zeitraum von 2014 bis 2018 präsentierte. Eine wichtige Erkenntnis: Die Wirkung, die der vorherigen quantitativen Lockerung zugeschrieben wird, wurde nur mit einem erheblichen Umfang von Anleihekäufen erreicht. Im ersten Jahr belief sich das Kaufvolumen auf insgesamt EUR 60 Mrd. pro Monat, im zweiten auf EUR 80 Mrd. Da die Wirkung der quantitativen Lockerung etwas nachlassen dürfte und auch die anderen Maßnahmen nicht mehr ganz so schlagkräftig sein dürften, kann sich die EZB nicht für ein relativ moderates Kaufprogramm entscheiden.

Aktien: eine unsichere Situation

Mit einem schärfer werdenden Handelskonflikt, völligem Chaos in der britischen Politik und einigen europäischen Volkswirtschaften, die sich auf eine Rezession zubewegen, ist das aktuelle Umfeld hochgradig unsicher. Trotzdem steigen die Aktienmärkte neuen Hochs entgegen; der Dow Jones, der S&P 500 und der Euro STOXX 600 notieren allesamt nur wenige Prozentpunkte unter den jüngsten Hochs. Der Grund für diese Indexstände ist etwas, das die Investoren als „TINA“ bezeichnen: There Is No Alternative – Es gibt keine Alternative. Der Anleihemarkt bietet kaum eine Aussicht auf Wertsteigerungen. Die Zinsen auf Spareinlagen sind extrem niedrig und könnten sogar in den negativen Bereich fallen. Alternative Anlagen sind entweder schwach (Rohstoffe) oder bereits gestiegen (Gold). Deshalb suchen die Investoren an den Aktienmärkten nach „sicheren“ Bereichen. Dies sind traditionell die Sektoren nicht zyklischer Konsum, Gesundheit, Versorger und Telekom. Letzterer ist in einer furchtbaren Verfassung (Verdrängungswettbewerb und hohe Investitionen). Aber die anderen drei Sektoren stehen gut da, wenngleich sie momentan etwas teuer sind. Sektorrotations-Charts für den Euro STOXX 600 zeigen, dass die relative Stärke dieser Sektoren zunimmt und dass diese Sektoren sich besser entwickeln als der Gesamtindex. Gleichzeitig signalisieren diese Charts eine geringe relative Stärke und schlechtere Entwicklung für Sektoren wie Finanzen, Energie und Grundstoffe. Es sieht ganz danach aus, als investierten die Anleger ihr Geld in „sichere“ Sektoren oder aber überhaupt nicht.

Wie unsicher ist die aktuelle Situation? In unserem Basisszenario gehen wir nicht von einem ungeregelten Brexit aus – wenn es denn überhaupt einen Brexit gibt. Nach dem aktuellen Stand der Dinge rechnen wir in Großbritannien mit Neuwahlen, die ein sehr knappes Ergebnis haben könnten. China und die USA werden ihren Handelsstreit in absehbarer Zeit nicht beilegen, und letztlich verlieren alle. In Europa zeigen die Einkaufsmanagerindizes (PMI) Anzeichen für eine Abschwächung, und die Zentralbanken werden alles Notwendige tun, um eine Rezession zu verhindern. Unser aktuelles Basisszenario sieht keine Rezession vor. Trotzdem rechtfertigt die Kombination aus konjunktureller Schwäche und politischen Turbulenzen eine Untergewichtung von Aktien.

Anleihen: hinausgeschobene Eskalation

Die Anleihemärkte zeigten vergangene Woche keine klare Richtung; sie wurden getrieben von Rezessionsangst und politischen Entwicklungen wie der Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse im britischen Parlament und den versöhnlichen Nachrichten aus Hongkong, wo das Risiko einer weiteren Eskalation zurückgegangen ist. Die Rendite auf deutsche Bundesanleihen ist leicht gestiegen, blieb aber in der Nähe der historischen Tiefstände unter 60 Basispunkten. In den USA drehte sich die Renditekurve wieder um, das heißt, zweijährige Staatsanleihen rentieren wieder niedriger als zehnjährige; ein umgekehrtes Verhältnis gilt als Rezessionsindikator. 

Italienische Staatsanleihen verzeichneten eine beeindruckende Rally, nachdem die Regierungsbildung zwischen der Fünf-Sterne-Bewegung und den Sozialdemokraten geglückt war. Der Risikoaufschlag auf zehnjährige italienische Staatsanleihen fiel auf 1,5 % und damit auf das Niveau von vor der Parlamentswahl im Frühjahr 2018; die Rendite liegt damit unter 1 %. Eine Eskalation in Form von Neuwahlen - während die Lega von Matteo Salvini in den Umfragen vorn liegt - scheint zumindest vorerst kein Thema mehr zu sein.

Europäische Unternehmensanleihen weisen eine gewisse Schwäche auf, jetzt wo der Sommer vorüber ist und in erheblichem Umfang neues Angebot auf dem Primärmarkt angeboten wird. Es scheint so, als gewönnen die positiven Signale der Europäischen Zentralbank hinsichtlich eines neuen Kaufprogramms für Unternehmensanleihen an Bedeutung. Für die Schwellenmärkte war der vergangene Monat schwierig. Ursache waren die politische Angst in Argentinien und die unberechenbare Entwicklung des Handelsstreits. Schwellenmarktanleihen verzeichneten in der ersten Septemberwoche eine gewisse Erholung. Und auch amerikanische Emittenten von Hochzinsanleihen konnten ihre Risikoaufschläge halten. …

Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung.


Foto: Botond Horvath / Shutterstock.com

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