Wochenkommentar: Draghis letzter Auftritt

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Mario Draghi, der ab Ende des Monats der ehemalige Chef der Europäischen Zentralbank sein wird, dürfte dafür in Erinnerung bleiben, dass er mit der Bereitschaft, „alles zu tun was nötig ist“, den Euro gerettet hat. Seine letzte EZB-Sitzung am 24. Oktober dürfte hingegen wohl kaum Geschichte schreiben. Sie hielt keinerlei Überraschungen bereit und hatte keinen nennenswerten Einfluss auf die Märkte. Die Investoren werden bis zur nächsten Sitzung warten müssen, wenn Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde das Ruder übernimmt.

Lagarde teilt Draghis expansive geldpolitische Grundhaltung. Über die unterschiedlichen Anschauungen im EZB-Rat ist inzwischen eine öffentliche Debatte entbrannt, die bereits die Wirksamkeit der Geldpolitik verringert hat und einer der Gründe dafür ist, dass die Anleiherenditen in Europa in den vergangenen Monaten stärker gestiegen sind als in den USA.

Auch der Optimismus im Hinblick auf die Entwicklungen beim Brexit und beim Handelsstreit zwischen den USA und China spielt hier eine Rolle. Aber es kann gut sein, dass die Investoren enttäuscht werden, vor allem beim Welthandel. Deshalb gehen wir davon aus, dass Christine Lagarde die EZB auf zusätzliche Maßnahmen einstellen muss, denn der Konjunkturausblick wird immer schlechter. Die Leitzinsen könnten noch dieses Jahr um weitere 10 Basispunkte fallen, und im Frühjahr könnte die EZB ihre monatlichen Anleihekäufe auf EUR 40 Mrd. verdoppeln.

Die Fed dürfte im Oktober und vermutlich auch im Dezember die Zinsen senken. Der Dezember-Schritt könnte allerdings verschoben werden, wenn sich der Konsum in den USA weiterhin besser hält als erwartet. Unter dem Strich könnte es also dazu kommen, dass die Zinsen erneut auf die Tiefs vom August sinken, als die Rendite auf Bundesanleihen auf -0,7 % gefallen und die Verzinsung von US-Staatsanleihen unter die Marke von 1,5 % gerutscht waren. Damit sich an diesem Ausblick etwas ändert, dürften noch deutlich mehr Überzeugungsarbeit und ein richtiger Durchbruch bei den Verhandlungen zwischen den USA und China nötig sein. Ein schneller und geordneter Brexit wäre ebenfalls hilfreich, vor allem für Europa. Die Anleger sollten diese Risiken im Auge behalten und Laufzeit (d. h. Titel mit längeren Laufzeiten) übergewichten, um von den niedrigeren Renditen zu profitieren.

Der Konjunkturausblick wird kontinuierlich schlechter, aber eine weltweite Rezession bleibt unwahrscheinlich. In Verbindung mit der anhaltenden Unterstützung durch die Zentralbanken ergibt sich dadurch ein konstruktives Umfeld für Unternehmensanleihen, vor allem in Europa, wo die EZB im November erneut mit Anleihekäufen beginnen wird. Hochzinsanleihen sind nicht billig und unserer Meinung nach bei konjunkturellen Enttäuschungen stärker gefährdet. In den USA zeigen sich im weniger liquiden Segment für vorrangige Darlehen erste Anzeichen für Marktstress, bei Hochzinsanleihen aber noch nicht. Wir bevorzugen weiterhin Schwellenmarktanleihen, weil bei den Frühindikatoren für Schwellenländer als Erstes eine Bodenbildung zu erkennen ist. Wir behalten aber weiterhin spezifische politische Risiken einzelner Länder im Auge, vor allem in Südamerika.

Aktien: Zahlen zum dritten Quartal

Die Berichtssaison ist in vollem Gange und gesellt sich zu anderen beherrschenden Themen wie dem amerikanisch-chinesischen Handelsstreit und dem Brexit hinzu. In den USA gab es bei Halbleiterunternehmen die größten Kursausschläge. 

In Europa, wo die Berichtssaison noch am Anfang steht, dürfte sich der Trend von Gewinnrückgängen bereits das vierte Quartal in Folge fortsetzen, während das Umsatzwachstum im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegt. Wie schon in den vorangegangenen Quartalen ist der Energiesektor, allen voran die Öl- und Gasunternehmen, die größte Belastung für das Gewinnwachstum in Europa.

In China sieht die Berichtssaison positiv aus. Nachdem nahezu 500 Unternehmen Zahlen vorgelegt haben, wachsen Umsatz- und Gewinnwachstum im niedrigen zweistelligen Prozentbereich. Damit setzt sich der Trend der vorangegangenen Quartale fort. Zum ersten Mal seit über einem Jahr liegen die Gewinne über den Erwartungen. Ob sich diese Dynamik halten lässt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen, wenn mehr Unternehmen ihre Geschäftszahlen veröffentlichen. …

Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung.


Foto: LaMiaFotografia / Shutterstock.com

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