Wochenkommentar: Deutschland vermeidet technische Rezession

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Deutschlands Wirtschaft wuchs im dritten Quartal 0,1 % gegenüber dem Vorquartal. Es wurden zwar keine Einzelheiten veröffentlicht, aber weitere positive Handelsdaten für Sep-tember, die in der Vorwoche veröffentlicht worden waren, könnten dem Quartal eine po-sitive Entwicklung beschert haben.

Wie es weitergeht, wird sich zeigen. Deutschlands Wirtschaft hängt stark vom Wachstum des Welthandels und von den Investitionsausgaben weltweit ab. Der Handelskrieg und die abwartende Haltung vieler Unternehmen rund um den Globus haben sich negativ bemerkbar gemacht. Deshalb wäre auch eine teilweise Handelsvereinbarung zwischen den USA und China positiv für Deutschland.

Die Schwierigkeiten in der Automobilindustrie hierzu-lande waren auch nicht gerade förderlich. Die deutsche Automobilproduktion ist in nur etwas mehr als einem Jahr um mehr als 15 % zurückgegangen; dies hat das BIP um gut 0,5 % geschmälert. Volkswagen hat eine neue Palette von Elektroautos angekündigt. VW will mit seiner Produktion nicht nur den Verkauf decken, son-dern auch einen Vorrat aufbauen. Eine Trendwende in der Automobilproduktion könnte der Konjunktur in Deutschland eine dringend erforderliche und sehr willkommene Unterstützung bescheren.

Laut ZEW-Indikatoren (ZEW: Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) werden die Analysten optimistischer. Bemerkenswert ist, dass die „Erwartungskomponenten“ des ZEW-Index für die Eurozone im November drastisch gestiegen sind: auf -1,0 gegenüber -23,5 im Oktober. Dies könnte ein Anzeichen dafür sein, dass der Konjunkturzyklus seinen Tiefpunkt erreicht hat.

Aktien: Von Bärisch zu Bullisch

In den vergangenen Wochen hat die Stimmung unter den Anlegern von bärisch zu bullisch gedreht. Aktien konnten in diesem Kontext ihre Kurssteigerungen aus-bauen und sowohl der S&P 500 als auch der Dow Jones erreichten neue Höchststände.

Ausgelöst wurde dieser Stimmungswandel durch die Wahrscheinlichkeit einer teilweisen Handelsvereinbarung zwischen den USA und China in den kommenden Wochen, den über den Erwartungen liegenden Quartalszahlen der Unternehmen in der aktuellen Berichtssaison und den besser werdenden Konjunkturindikatoren. Dies alles deutet darauf hin, dass die Weltwirtschaft ihren Tiefpunkt erreicht haben könnte und das hat wiederum die Angst vor einer Rezession verringert. 

Die jüngste Ausgabe der Bank of America Global Fund Survey bestätigte diesen Sinneswandel. Die Wachstumserwartungen sind unter den Investoren deutlich gestiegen und verzeichneten den stärksten monatlichen Zuwachs seit 1994: Die Mehrzahl der Fondsmanager rechnet jetzt damit, dass sich das globale Wachstum in den kommenden 12 Monaten verbessert, während im vergangenen Monat noch die überwiegende Mehrheit der Fondsmanager mit einer Verschlechterung gerechnet hatte. Diese Risikobereitschaft hat dazu geführt, dass Investoren das Risikoniveau ihrer Portfolios erhöht und ihre Kassequote auf einen Stand gesenkt haben, den es seit 2013 nicht mehr gegeben hat. Im Gegenzug wurde die Aktienquote dem Bericht zufolge um 20 % aufgestockt. 

Was die Berichtssaison betrifft haben die Analysten ihre Gewinnprognosen für das vierte Quartal 2019 trotz über den Erwartungen liegenden Zahlen für das dritte Quartal gesenkt. Nach Informationen von Bloomberg rechnen sie jetzt mit einem gleichbleibenden Gewinn je Aktie. 2020 dürfte sich die Gewinndynamik ins Positive drehen, weil die geopolitische Unsicherheit ab-nimmt und die Einkaufsmanagerindizes besser ausgefallen sind als erwartet.

In den vergangenen Wochen haben wir im Rahmen der prozyklischen Rotation auf Branchenebene große Umwälzungen erlebt. Vergangene Woche entwickelten sich hingegen defensive Sektoren am besten, weil die Renditen gesunken sind und Titel von Finanz-, Industrie- und Energieunternehmen zu den Nachzüglern gehört haben. Trotz der Underperformance der vergangenen Woche bleiben wir zuversichtlich, dass der zyklische Sektor sich in den kommenden Monaten überdurchschnittlich entwickelt, denn die Bewertungen sind im Vergleich zu den defensiven Sektoren immer noch sehr attraktiv. Außerdem dürfte sich die konjunkturelle Dynamik in den kommenden Quartalen verbessern. Zur Erinnerung: Wir haben vor Kurzem unsere Untergewichtung von Finanzen und Industrie auf eine neutrale Gewichtung aufgestockt.

Anleihen: Positive Stimmung, aber wie lange noch?

Jetzt, wo die USA und China auf eine teilweise Lösung ihres Handelsstreits hinarbeiten, ist dies das beherrschende Thema, das die Marktstimmung positiv beeinflusst. Dies lässt die Zinsen steigen. 

Vor allem in den USA gibt es in diesem Bereich weitere positive Nachrichten und die Wirtschaftsdaten sind weniger schwach als von den Marktteilnehmern be-fürchtet. Dies hat der US-Notenbank Fed (Federal Reserve) ermöglicht, bei der Leitzinspolitik auf einen datengetriebenen Ansatz umzustellen.

Für unsere Position in Euro-Anleihen mit langen Laufzeiten ist dies zwar nicht förderlich, aber wir bleiben vorerst bei unserer Positionierung. Die Erwartungen in Bezug auf die Handelsgespräche haben sich schon häufig als falsch erwiesen. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu sehen, dass die Märkte nervös reagiert haben (mit sinkenden Zinsen), nachdem Trump vor eskalierenden Zöllen gewarnt hat, sollten die beiden Länder keine Einigung erzielen. Doch selbst wenn der erste Teil einer Vereinbarung erreicht wird, bleibt abzuwarten, wie diese Vereinbarung inhaltlich aussieht und wie schnell das neuerliche Feilschen über die offenen Punkte einsetzt. 

Wir halten das Abwärtsrisiko bei unserer Laufzeitposition für begrenzt, weil wir davon ausgehen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre ultralockere Geldpolitik aufgrund des sehr geringen Wirtschaftswachstums in der Eurozone fortsetzt. Deutschland verzeichnete im dritten Quartal ein BIP-Wachstum von 0,1 %. Damit entgeht das Land zwar nach der offiziellen Definition einer Rezession, die manche Marktteilnehmer befürchtet haben mögen, aber es ist klar, dass das Wachstum gering bleiben dürfte. 

Da die Renditen auf Staatsanleihen der Kernländer nach wie vor auf extrem niedrigen Ständen sind, bleiben wir bei unserer Präferenz für spanische und französische Titel. Diese Länder weisen gute Fundamentaldaten auf, aber ihre Anleihen bieten dennoch einen Aufschlag gegenüber Kernländerstaatsanleihen wie Bundesanleihen aus Deutschland. 

Italienische Staatsanleihen bewerten wir aufgrund der aktuellen Rendite und bestimmter Risiken neutral.  Pierre Moscovici, EU-Kommissar für Wirtschaft und Finanzen, sagte, Italiens Haushalt für 2020 werde kein Disziplinarverfahren auslösen. Das ist bemerkenswert, erscheinen die prognostizierten Defizite von 2,3 % und 2,7 % in den Jahren 2020 beziehungsweise 2021 doch etwas hoch, zumal sie unserer Einschätzung nach auf allzu optimistischen Wachstumsannahmen basieren. Und wir gehen davon aus, dass es für die aktuelle Regierung schwer sein wird, sich zu halten, denn Matteo Salvini dürfte unbedingt zurück an die Macht wollen. 

Die EZB hat Anfang dieses Monats gerade ihr neues Anleihekaufprogramm begonnen. Die Daten der ersten Woche zeigen, dass ein großer Anteil der Käufe bei privatwirtschaftlichen Emittenten getätigt wurde (Unternehmensanleihen und Pfandbriefe). Es ist zwar noch zu früh, um Schlussfolgerungen zu ziehen, aber dies scheint darauf hinzudeuten, dass privatwirtschaftliche Emittenten auch im neuen Kaufprogramm wieder eine wichtige Rolle spielen. 

Während Unternehmensanleihen von einer positiven Marktstimmung profitieren, rechnen wir damit, dass die Geldpolitik der EZB die Anlageklasse schützen kann, falls sich die Stimmung und/oder die Wirtschaftsdaten eintrüben. Dies stützt unsere positive Einschätzung von Investment-Grade-Unternehmensanleihen. …

Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung.


Rudy Balasko / Shutterstock.com

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