Wochenkommentar: Wahlen in Indien und der EU

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In den vergangenen sechs Wochen fanden in Indien die größten Wahlen der Welt statt (mit rund 900 Millionen Wahlberechtigten). Die zentrale Frage lautete: Gelingt es dem Mitte-Rechts-Parteienbündnis NDA (National Democratic Alliance) unter der Führung der hindu-nationalistischen Bharatiya-Janata-Partei von Premierminister Narendra Modi an der Macht zu bleiben und die Mehrheit im Parlament zu verteidigen? Nach Abschluss der Wahlen kann dies bestätigt werden.

Seit Modis beeindruckendem Wahlsieg 2014 hatte die Regierungskoalition einen Teil ihrer Popularität eingebüßt; dies lag unter anderem an Problemen im Agrarsektor und an umfangreichen Stellenstreichungen bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Trotzdem konnte sich Modi in den Wahlen wieder durchsetzen. Modi und seine Regierung scheinen davon profitiert zu haben, dass die Spannungen mit dem Erzfeind Pakistan in den vergangenen Monaten wieder aufgeflammt sind. Den Wählern gefiel offenbar Modis harte Reaktion auf die Terroranschläge, die eine militante Gruppierung aus Pakistan im Februar 2019 in Kaschmir verübt hatte.

Den aktuellen Zahlen zufolge ist das Wahlergebnis zumindest aus wirtschaftlicher Sicht gut für Indien. Nach einem jahrelangen politischen Stillstand ebnete Modis starkes Mandat 2014 den Weg für Strukturreformen, die angesichts der Herausforderungen, mit denen Indien sowohl bei der physischen als auch bei der institutionellen Infrastruktur konfrontiert ist, dringend erforderlich sind. 

Im Vorfeld der Wahlen 2019 schwenkte die Regierung auf einen stärker populistischen Kurs ein (etwa mit einer Verbesserung der Sozialprogramme). Nun bietet sich Modi  die Chance auf eine Vertiefung der Reformen; das würde dazu beitragen, dass Indien sein Entwicklungspotenzial besser ausschöpfen und das wachstumsstärkste Schwellenland bleiben könnte. Für Indiens Aktien- und Anleihemärkte sind die Wahlen (und die Umfragen direkt nach der Wahl) bislang positiv.

In der EU fanden am Wochenende Wahlen zum Europäischen Parlament statt. Diese Wahlen standen unter dem Eindruck des Erstarkens der Rechtspopulisten und einer damit einhergehende Blockade der Parlamentsarbeit. Diese Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet. Erste Reaktionen der Finanzmärkte vielen dementsprechend moderat aus. 

AKTIEN: VOM HANDELS- ZUM TECHNOLOGIEKRIEG?

Der Start in die vergangene Woche war für die Aktienmärkte schwierig. Am Montag fielen alle Märkte, nachdem die Regierung Trump weitere Maßnahmen gegen Huawei eingeleitet und das chinesische Telekomunternehmen auf die schwarze Liste gesetzt hatte. Das heißt, US-Unternehmen dürften mit Huawei keine Geschäfte mehr machen, die „als Risiko“ für die nationale Sicherheit eingestuft werden.

Halbleiterhersteller trifft das Embargo am schwersten, weil dort die Wertschöpfungsketten am stärksten zusammenhängen und in hohem Maße vom chinesischen Markt abhängen. Infineon hatte am Wochenende vor einer Woche angekündigt, keine in den USA produzierten Chips mehr an Huawei zu liefern. Auch Kommunikationsschwergewicht Alphabet wird Huawei keine Dienstleistungen mehr anbieten; darunter fallen das Betriebssystem Android und Anwendungen wie Gmail, YouTube und Chrome.

Am Montagabend kündigte die Regierung Trump eine 90-tätige Schonfrist an, bevor das Embargo unter Androhung von Sanktionen in Kraft tritt. Das hat den Druck an den Aktienmärkten etwas verringert und den Kursen am Dienstag zu einer Erholung verholfen. Chiphersteller profitierten von der neuerlichen Risikobereitschaft am stärksten, nachdem sie am Montag Gegenstand einer Verkaufswelle gewesen waren.

Am Mittwoch drehte die Stimmung allerdings erneut, als der amerikanische Handelsminister Mnuchin bestätigte, es sei noch keine neuerliche Reise nach Peking geplant, um die Handelsgespräche wieder aufzunehmen.

ANLEIHEN: FED IN WARTESTELLUNG

Am vergangenen Mittwoch wurde das Protokoll der April/Mai-Sitzung der Federal Reserve (Fed) veröffentlicht. Demzufolge betonte die Notenbank in ihrem geldpolitischen Ausblick erneut, wie wichtig es sei, Geduld zu haben. Daraus schließen wir, dass die Fed eine abwartende Haltung einnimmt. 

Das Wachstum wurde im Protokoll als „robust“ bezeichnet, allerdings seien die Ausgaben der Privathaushalte aber etwas zurückgegangen. Wir haben unseren Fed-Ausblick unverändert gelassen und rechnen mit keiner weiteren Zinserhöhung. Im Hinblick auf Risiken brachte das Fed-Sitzungsprotokoll die wachsende Sorge über die Verschuldung der Unternehmen zum Ausdruck. 

Nachdem die Handelsspannungen erneut eskaliert sind, blicken die Märkte ins Ungewisse. Die Stimmungsumfragen werden jetzt verstärkt versuchen herauszufinden, inwieweit die jüngsten Entwicklungen die Unsicherheit der Unternehmen verstärken. Ob sich dies aber bereits in den Mai-Stimmungsbarometern niederschlägt, ist noch unklar.

Die Rentenmärkte in Schwellenländern haben bislang noch keine drastische Reaktion erlebt. Eine gewisse Schwäche war in lokalen Schwellenmärkten bereits vor der Kehrtwende bei den Handelsgesprächen zu erkennen gewesen; schuld waren Themen aus dem zweiten Halbjahr 2018, wie die Schwäche in bestimmten Schwellenländern und ein stärkerer US-Dollar. Die amerikanische Währung wertete auf, weil das Wachstum in den USA stärker ist als im Rest der Welt. Wir haben unsere Positionen in lokalen Währungen schon viel früher aufgelöst und stattdessen Schwellenmarktanleihen in harten Währungen gekauft – sowohl Staatsanleihen als auch Unternehmensanleihen. 

Schwellenmarktanleihen erweisen sich als widerstandsfähiger als Hochzinstitel

10-jährige Bundesanleihen werden bei rund -0,1 % gehandelt und könnten sich seitwärts entwickeln.  Die neuerliche Eskalation der Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China ließ die Risikoaufschläge (Spreads) zunächst steigen, es setzte aber schnell wieder eine Stabilisierung ein. Riskantere Anleihen haben sich etwas abgeschwächt. Ausgangspunkt waren aber die Jahreshöchststände, die sie nach einer ausgedehnten Rally erreicht hatten. Unsere Risiko-Rendite-Einschätzung ist angesichts der immer noch positiven Konjunkturdynamik und des expansiveren Kurses der Notenbanken inzwischen ausgewogener. 

10-Jährige US-Staatsanleihen testeten ihr Tief bei 2,30 %. Diese technische Unterstützung ist recht stark. Damit sie fällt, ist eine ausgeprägte Risikoscheu erforderlich; erst dann kann sich die Rendite allmählich dem Tief vom September 2017 bei 2,04 % nähern. 

Nach den Gewinnzahlen für das erste Quartal wiesen Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Einstufung (BBB oder höher) eine leichte Abschwächung ihrer Bilanzen auf. 

Die stärker verschuldeten Sektoren (Konsum, Gesundheit sowie Telekom, Medien und Technologie, TMT) konnten hingegen stabilere Ergebnisse vorweisen, zum Beispiel mit einer relativ stabilen Zinsdeckung.

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Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung.


Foto: jorisvo / Shutterstock.com

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