Wochenkommentar: Trumps Einfluss auf die Fed

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US-Präsident Trump hat zwei neue Kandidaten für das Board der US-Notenbank Fed bekanntgegeben: Christopher Waller, der bei der Fed in St. Louis den Research-Bereich verantwortet, und Judy Shelton, eine ehemalige wirtschaftliche Beraterin des Präsidenten.

Beide Kandidaten gelten ausgehend vom aktuellen geldpolitischen Kurs als Anhänger einer expansiven Ausrichtung und dürften sich sofort für Zinssenkungen aussprechen, falls sie vom Senat bestätigt werden. Dort enden die Gemeinsamkeiten der beiden aber auch schon, und wir räumen Waller deutlich größere Chancen ein, tatsächlich ernannt zu werden, als Shelton.

Waller ist ein Fed-Insider, der zwar einen klaren geldpolitischen Standpunkt vertritt, aber keinen grundlegenden Systemwechsel anstrebt und insofern für den Präsidenten eine relativ ungefährliche Nominierung ist. Shelton vertritt hingegen höchst unkonventionelle Ansichten und sagt zum Beispiel, die kurzfristigen Zinsen sollten nicht vom Offenmarktausschuss der Fed (FOMC) festgelegt werden, sondern vom Markt. Außerdem ist sie eine bekannte Anhängerin des Goldstandards.

Selbst wenn einer oder beide Kandidaten scheitern, scheint Donald Trump entschlossen zu sein, Befürworter von Zinssenkungen zu nominieren. Eine Intensivierung der expansiven Ausrichtung des Offenmarktausschusses bestärkt uns in unserer Erwartung, dass die Fed in den kommenden Quartalen drei Zinssenkungen vornehmen wird: die erste bei der Juli-Sitzung (25 Basispunkte) und die anderen beiden im vierten Quartal 2019 und im ersten Quartal 2020.

Aktien begrüßen G20-Ergebnisse

Der G20-Gipfel in Osaka löste an den Aktienmärkten eine kleine Erleichterungsrally aus. Das mit Spannung erwartete Treffen zwischen US-Präsident Trump und Chinas Präsidenten Xi Jinping führte dazu, dass die beiden Länder ihre Handelsgespräche wieder aufgenommen haben und die Bedrohung eines ungebremsten Handelskriegs vorerst abgewendet wurde.

Der Handelsstreit ist Teil des größeren, langfristigen Trends, dass China auf der Weltbühne eine immer dominierendere Rolle spielt. So wie das British Empire und Europa das 19. Jahrhundert und die USA das 20. Jahrhundert dominiert haben, müssen wir womöglich anerkennen, dass im 21. Jahrhundert China den Ton angibt. Dafür sprechen Chinas Pläne einer „Neuen Seidenstraße“, die Aktivitäten des Landes in Afrika, Chinas Funktion als Währungsfonds für südasiatische Länder (eine Art zweiter Internationaler Währungsfonds) und Chinas umfangreiche Käufe von US-Staatsanleihen. Der Handelsstreit ist in unseren Augen ein Symptom dieses Trends – eine Ausprägung des Aufeinanderprallens zweier Weltmächte, das die Märkte länger beherrschen könnte, als es wünschenswert ist.

Darüber hinaus begrüßten die  europäischen Kapitalmärkte die Benennung von Christine Lagardes als zukünftige EZB-Präsidentin. Sie dürfte die marktfreundliche Geldpolitik eines Mario Draghi weiterführen. Doch eine der ersten Schritte auf Christine Lagardes Agenda als EZB-Präsidentin könnte eine Überprüfung des Inflationsziels der Zentralbank sein. Aktuell verfehlt die EZB ihr Inflationsziel. Die Zentralbanken haben in den vergangenen Jahren massiv Geld ins Finanzsystem gepumpt. In Europa ist das Gesamtvolumen der quantitativen Lockerung der EZB auf sagenhafte EUR 2.600 Milliarden angewachsen; das entspricht rund EUR 7.500 pro Einwohner der Eurozone. Doch eine Ausweitung der Geldmenge hat bislang nicht zu Inflation führt. Dies liegt an zwei starken deflationären Faktoren: eine sehr hohe Verschuldung und eine schrumpfende Bevölkerung. Eine alternde Bevölkerung und rückläufige Geburtenraten lassen sich nicht mit geldpolitischen Stützungsprogrammen bekämpfen. Sehr hohe Verschuldungsniveaus führen zu Ausgabenbeschränkungen. Die aktuelle geldpolitische Strategie funktioniert also nicht wie gewünscht. 

Anleihen: Unsicherheit hält an

Der G20-Gipfel von vergangener Woche hat wenig an der Unsicherheit geändert, die immer größere Teile der Weltwirtschaft im Würgegriff hat, insbesondere in der Fertigungsindustrie, die stärker vom Welthandel abhängt als andere Sektoren. Nachdem der Handelskonflikt weder gelöst noch verschlimmert wurde, fiel die Reaktion der Märkte verhalten positiv aus. Im Investment-Grade-Segment entwickelten sich die Spreads seitwärts, bei Hochzins- und Schwellenmarktanleihen sind die Risikoaufschläge gleichlaufend mit der Stimmung an den Aktienmärkten leicht gesunken.

Die Investoren müssen weiterhin die Vorteile einer stärkeren Unterstützung durch die Zentralbanken gegen die Auswirkungen der Risiken, die die Notenbanken mit ihrer Geldpolitik bekämpfen, abwägen. Die allmähliche Eskalation der Spannungen im Welthandel seit 2018 trübt das Geschäftsklima zunehmend ein; dies hat bereits dazu geführt, dass Unternehmen Investitionen verschieben, und droht jetzt auch bei den Verbrauchern zu einer stärkeren Ausgabenzurückhaltung zu führen, weil die Schwäche auch den Arbeitsmarkt erfassen könnte. Die Zentralbanken sind sich dieser Risiken bewusst und bereit zu handeln. EZB-Präsident Mario Draghi senkte die Schwelle für Eingriffe der Notenbank und sagte, nur eine deutliche Verbesserung des wirtschaftlichen Umfelds könnte eine Zinssenkung und neuerliche Anleihekäufe noch verhindern. 

In Erwartung von Zinssenkungen ist die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen bereits unter 2 % gefallen, die Verzinsung von Bundesanleihen gleicher Laufzeit ist in Richtung -0,4 % gesunken, das aktuelle Leitzinsniveau. Die Renditen dürften noch weiter fallen, auch wenn die Investoren inzwischen einen Großteil dessen, was von den Zentralbanken zu erwarten ist, bereits eingepreist haben. Positionen mit langen Laufzeiten dürften den Rest des Jahres aber relativ sicher sein, denn die Zentralbanken dürften ihren expansiven Kurs mit länger niedrigen Zinsen fortsetzen.

Dass die EZB als enorm großer Käufer an die Anleihemärkte zurückkehrt, dürfte trotzdem Wirkung zeigen. Die Renditen auf Unternehmensanleihen dürften sinken, zumindest solange eine richtige Rezession verhindert werden kann. Die Renditen auf Peripherieländeranleihen dürften ebenfalls stärker gefragt sein, was Italien die Chance geben würde, den Anstieg der vergangenen Wochen zu kompensieren. Die Gefahr neuer Maßnahmen der Europäischen Kommission in Bezug auf Italiens Staatshaushalt wurde einfach mit einem Verweis auf die trotz Italiens Wirtschaftsschwäche unerwartet hohen bisherigen Steuereinnahmen in diesem Jahr ausgeräumt. Nach dem Sommer muss aber der Haushalt für 2020 vorgelegt werden, der dann immer noch Maßnahmen aus Brüssel auslösen könnte. Auch Pläne, sogenannte Mini-BOTs aufzulegen – das sind staatliche Schuldscheine mit sehr kleinen Nennwerten, die praktisch eine Art Parallelwährung zum Euro wären – sind wieder im Gespräch; darauf sollte der Rest der EU, auch die EZB, entschlossen reagieren. Es hat schon seinen Grund, dass Italiens Risikoaufschläge immer noch relativ hoch sind, während die Spreads spanischer Anleihen jetzt auf dem Niveau der kernnahen europäischen Länder liegen, direkt hinter Frankreich, Belgien und Irland.

Inflationsgesicherte Anleihen haben nach wie vor zu kämpfen und sind sehr volatil und anfällig geblieben, weil die Märkte eine Japanifizierung prognostizieren, das heißt eine lange Phase mit schwachem Wachstum und niedriger Inflation. Inflationsanleihen sind im Vergleich zu Nominalanleihen sehr billig geworden; sie preisen für die nächsten zehn Jahre weniger als 0,7 % Inflation ein – und das, obwohl die Inflation in den vergangenen fünf Jahren bei rund 1 % gelegen hat und die Zentralbanken entschlossen sind, die Teuerung weiter nach oben zu treiben. In den nächsten Quartalen könnte eine Abschwächung des Wachstums diese Bemühungen allerdings erschweren, und es dürfte schwierig sein, die Investoren zu überzeugen, was die Inflationserwartungen noch längere Zeit niedrig halten wird. …

Der vollständige Marktbericht steht unseren Kunden wöchentlich zur Verfügung.


Foto: aboikis / Shutterstock.com

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