Strategische Richtung – Wolkenlücken am Horizont

Richard de Groot

Global Head Investment Centre

Das nachlassende Wirtschaftswachstum hat bei den Investoren 2019 die Angst vor dem Ende des Aufschwungs oder gar einer Rezession aufkommen lassen. Mittlerweile sorgen aber Wolkenlücken am Horizont wieder für Optimismus.

Nach einer besorgniserregenden Phase, in der die Fertigungsindustrie weltweit einbrach, gibt es allmählich erste Anzeichen dafür, dass das Schlimmste bald hinter uns liegen könnte und ein leichter Aufschwung noch etwas anhält. Dieses und nächstes Jahr ist keine Rezession mehr zu erwarten, sondern eine Phase mit einem schwachen, aber positiven Wirtschaftswachstum.

Für Aktien und Anleihen war 2019 ein gutes Jahr. Doch niedrigere Zinsen bedeuten, dass Sie Ihre Rentenallokation überdenken müssen. Ein großer Teil der im Umlauf befindlichen Euro-Anleihen hat eine negative Rendite. Das schränkt die mögliche Wertentwicklung ein und erhöht das Portfoliorisiko. Zudem wirken sich niedrige Anleiherenditen auch auf andere Anlageklassen aus, da die Investoren auf der Suche nach Wertpotenzial sind.

Es gibt unterschiedliche Blickwinkel auf die Weltwirtschaft . . .

Man kann die Weltwirtschaft aus einer Fertigungs- oder einer Dienstleistungssicht betrachten. Normalerweise entwickeln sich diese wichtigen Segmente zumindest in gewissem Maße in die gleiche Richtung. Einen Großteil des Jahres 2019 hatte der Fertigungssektor zu kämpfen, weil die erhöhte Unsicherheit die Investitionen gedämpft hat. Der Dienstleistungssektor hingegen entwickelte sich deutlich besser, denn die Verbraucher blickten weiterhin zuversichtlich in die Zukunft und setzten ihren Konsum unvermindert fort.

Wir halten es für möglich, dass sich der Fertigungssektor auf lange Sicht nicht weiter verschlechtert, sondern sogar verbessern kann. Eine Reihe von Frühindikatoren stabilisieren sich und beginnen zu steigen. Die niedrigeren Zinsen werden eine weitere Verbesserung unterstützen. Am Wohnimmobilienmarkt machen sie sich bereits bemerkbar, und dieser Umstand kann wiederum anderen Sektoren zugutekommen.

Gleiches gilt für die Automobilindustrie, die insbesondere in Deutschland mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Inzwischen gibt es aber Anzeichen für eine Stabilisierung. Die Verbesserungen im Fertigungssektor sind wichtig, denn die Investoren befürchteten, die Schwierigkeiten könnten auf das Dienstleistungsgewerbe übergreifen. Diese Gefahr scheint vorerst abgewendet zu sein.

Ein weiterer Aspekt der Konjunkturprognose ist die Abhängigkeit vom Welthandel, wenngleich die Bedeutung dieses Faktors je nach Land unterschiedlich ausfällt. Die USA sind zum Beispiel weniger abhängig als China oder Deutschland. Nichtsdestotrotz ist der Welthandel für Investoren rund um den Globus eines der größten Problemfelder, da der Handelskrieg nach wie vor die Schlagzeilen beherrscht. Doch es gibt Anzeichen, dass sich der Handelskrieg zumindest nicht weiter verschlechtert. Das würde das weltweite Wirtschaftswachstum 2020 positiv beeinflussen.

. . . und unterschiedliche Risiken zu berücksichtigen

Da die Schwäche im Fertigungssektor noch nicht überwunden ist, besteht weiterhin das Risiko, dass die Probleme auf das Dienstleistungsgewerbe übergreifen. Eine Zunahme der Arbeitslosigkeit wäre die Folge. Wenn Unternehmen Investitionen verschieben, kann dies ebenfalls zu einem Rückgang der Beschäftigungsquote führen. In der Folge würde das Wachstum im Dienstleistungssektor zurückgehen und das Verbrauchervertrauen würde sinken.

Außerdem schwelen nach wie vor geopolitische Risiken. Der Handelsstreit zwischen den USA und China kann jederzeit wieder eskalieren, und innerhalb der USA und Chinas gibt es darüber hinaus länderspezifische Risiken. Auch wenn wir nicht davon ausgehen, dass das Impeachment-Verfahren gegen US-Präsident Donald Trump tatsächlich zu einer Amtsenthebung führt, so ist die Angelegenheit dennoch ein Risiko und könnte die allgemeine Unsicherheit weiter verstärken. Unterdessen hat China mit anhaltenden Unruhen in Hongkong zu kämpfen und in Großbritannien ist die Brexit-Saga nach einer Reihe von überschrittenen Fristen und Verlängerungen nach wie vor zu keinem Abschluss gekommen. Ein ungeregelter EU-Austritt erscheint zwar inzwischen unwahrscheinlich, doch die bevorstehende Wahl in Großbritannien könnte zu neuerlichen Sorgen führen.

Wir empfehlen Anlegern, die Grundlagen ihres Portfolios zu prüfen und Chancen in Erwägung zu ziehen

Investoren sollten ihre Anlageziele, ihren Anlagezeitraum sowie ihre Risikobereitschaft und -fähigkeit im Auge behalten. Für Inhaber von Euro-Anleihen gilt vor dem Hintergrund einer negativen Wertentwicklung bei vielen Titeln ihre Allokation zu überdenken, denn die erwartete Rendite reicht unter Umständen nicht mehr aus, um die Anlageziele zu erreichen.

Negative Zinsen machen sich aber auch an den Aktienmärkten bemerkbar. Für renditesuchende Investoren gibt es eigentlich keine Alternative zu Aktien. Eine Dividende von zwei bis drei Prozent ist attraktiver als negative Zinsen. Das ist und bleibt eine der stärksten Triebfedern für die Aktienmärkte.

Unsere Empfehlungen für Investoren

Wir empfehlen ein ausgewogenes Portfolio mit einer leicht verringerten Anleihequote. Bleiben Sie in Aktien investiert und erhöhen Sie Ihre Barposition etwas. Sie können diese Liquidität einsetzen, wenn die Wolkenlücken am Horizont zunehmen und sonnigere Aussichten mit sich bringen.

Innerhalb der Anlageklasse Aktien empfehlen wir die Sektoren Gesundheit und Informationstechnologie. Beide Sektoren dürften sich positiv entwickeln, selbst in einem Szenario mit einem schwächeren Wirtschaftswachstum. Bei den Regionen haben wir eine leichte Präferenz für die USA, da dort der Fertigungssektor etwas kleiner ist und die Wirtschaft weniger vom Welthandel abhängt. Trends bei erneuerbaren Energien, vor allem Speichertechnologien und Batterien, werden ebenfalls Anlagechancen schaffen.

Bei Anleihen sehen wir Potenzial in Investment-Grade-Unternehmensanleihen, die eine höhere Rendite aufweisen und von den Anleihekäufen der Notenbanken profitieren werden. Auch Schwellenmarktanleihen bieten Potenzial, da sie von rückläufigen Zinsen und einer niedrigeren Inflation profitieren dürften. Staatsanleihen der europäischen Peripherieländer sind ebenfalls attraktiv.

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Kapitalmarktausblick 2020 - Wolkenlücken am Horizont
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