Warum das Neue Angst und Lust macht

Autohändler berichten, dass ihre Kunden beim Kauf eines Wagens Farbe und Ausstattung so wählen, wie sie es von ihrem alten Fahrzeug gewohnt waren. Auch der Marke bleiben sie treu: BMW-Fahrer fahren BMW, VW-Besitzer kaufen wieder einen Golf. Manchmal hält die Liebe zur Marke ein ganzes Leben. Auch Ehen halten manchmal ein ganzes Leben, auch heute noch.
 
Wie können wir uns dieses Verhalten erklären? Ökonomen haben dazu eine Vielzahl von Versuchen angestellt. Einer der berühmtesten geht so: Stellen Sie sich vor, der sprichwörtliche reiche Onkel aus Amerika hinterlässt Ihnen und Ihrer Familie ein beträchtliches Vermögen. Sie wollen das Geld anlegen und stehen vor der Wahl, es entweder in riskante Einzelaktien, einen weniger riskanten Aktienfonds oder in sichere Staatspapiere zu investieren. Gibt man den Probanden zu Beginn des Experiments die zusätzliche Information, der Onkel habe selbst einen großen Anteil seines Vermögens in Aktienfonds investiert, so kann man fast sicher sein, dass seine Erben es ihm gleichtun werden. Sagt man ihnen stattdessen, der Onkel habe sein Geld hochspekulativ angelegt, sind auch die Erben bereit, ein großes Risiko einzugehen.
 
Unter dem Namen „Status quo bias“ haben diese Erkenntnisse der Verhaltensökonomie Eingang in die Wissenschaft gefunden. Menschen sind von Natur aus konservativ, sie wollen, dass sich am liebsten nichts oder nur wenig ändert. Ganz besonders gilt das für Kinder. Der Wunsch, alles möge so bleiben, wie es ist, ist verständlich: Das Leben ist von alleine aufregend und hält vielfältige Überraschungen bereit. Stabilität, eine Anhänglichkeit an den Status quo, entlastet uns. Das Neue ist unbekannt, mit dem Alten haben wir bereits unsere Erfahrungen gemacht, selbst wenn sie nicht immer gut waren. Dass unser Beharren auf dem Status quo nicht nur rational ist, ändert nichts daran, dass es eine sinnvolle Funktion in unserem Leben hat. Wir haben verstanden, dass der Mensch nicht als Homo oeconomicus durch die Welt läuft. Zur Irrationalität gehört, dass wir den drohenden Verlust dessen, was wir haben, höher gewichten als den möglichen Gewinn, den uns das Neue bringen würde. Die Psychologen sprechen von „Verlustangst“ („los aversion“).
 
Ängste sind menschlich. Die Anhänglichkeit an das, was wir haben, nennen wir Treue. Treue ist ein hoher Wert. Sie bewirkt, dass wir uns aufeinander verlassen können. Müssten wir ständig auf der Hut sein, ob der andere Neues riskiert, würde permanente Verunsicherung unser Tun zersetzen und uns lähmen. Loyalitäten sind deshalb aus guten Gründen der Normalfall – in der Partnerschaft, im Arbeitsverhältnis, in einer Nation. 
 
Doch alles hat seine Kehrseite. Loyalität birgt die Gefahr, dass wir bequem und träge werden; unsere Neugier schläft ein. Treue wirkt wie ein Kleber, der uns aneinanderbindet, obwohl wir längst spüren, dass Trennung für alle Beteiligten besser wäre. Dass sich Loyalität ausnutzen lässt, haben viele Unternehmen erkannt: Das weiß jeder, der einmal einen Vertrag für ein Fitness-Studio abgeschlossen hat. Obwohl er nur noch selten trainiert, zahlt er weiter; das Abonnement tröstet womöglich sogar noch sein Gewissen – er ist ja Mitglied in einem Studio und könnte etwas Gutes tun für seinen Körper. Das ist noch eine eher harmlose Form problematischer Loyalität. Es gibt Schlimmeres: Die Bildungsforschung weiß, dass die mangelnde soziale Mobilität – warum studieren so wenige Kinder von Nichtakademikern? – mit der Klebewirkung von Loyalitäten zusammenhängt. Der Wechsel in eine andere Schicht, den der Bildungsaufstieg mit sich brächte, wäre eine Art von Klassenverrat an der Herkunft, der mit hohen Kosten verbunden ist: Die Angst vor dem Verlust der Heimat bezieht sich nicht nur auf den Ort, sondern auch auf Sprache, Wissen und Gewohnheiten.
 
„Wer leben will, muss auf Wandel gefasst sein“, heißt es in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ von Goethe. Das Gesetz der Evolution ist das Gegenteil des Status quo, die Zumutung permanenter Anpassung an den Wandel. Wäre die Menschheit immer nur dem Status quo treu geblieben, wäre die Zivilisation gar nicht in Gang gekommen und der Wohlstand verspielt worden, noch ehe wirtschaftliches Wachstum überhaupt sich hätte entfalten können. Stillstand ist Rückschritt, heißt eine Allerweltsweisheit, an der einiges wahr ist.
 
Der Fortschritt braucht die „schöpferische Zerstörung“: Nur durch Veränderung entsteht Neues. Den Begriff der „kreativen Zerstörung“ prägte der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter. Er bezeichnet eine paradoxe Verbindung aus Destruktion und Invention. Etwas muss zerstört werden, damit Schöpfung – das Neue – wirklich werden kann. Kein Wunder, dass das Wesen der wirtschaftlichen Entwicklung der Wettbewerb ist. Wo ein neuer Player siegt, ein neues Produkt sich durchsetzt, muss in vielen Fällen das Alte verschwinden. Wettbewerb ist auch Verdrängung. Das Neue braucht Platz.
 
Auch das kann man sich an der Automobilindustrie klar machen: Der Status quo bias von Herstellern und Kunden hatte lange Zeit zur Folge, dass nur Benziner und Dieselfahrzeuge auf den Markt kamen. Es bedurfte eines verrückten Unternehmers namens Elon Musk, der es – zumindest über lange Zeit – geschafft hat, das E-Auto als coole Alternative in die Welt zu setzen, sehr zum Ärger der alten Anbieter.
 
Heute sagt man zu solchen Prozessen gerne „Disruption“. Doch niemand soll sich etwas vormachen: So gerne die „Disruption“ modisch in Leitlinien von CEOs und Unternehmensstrategen vorkommt, so ungemütlich ist die Sache, die damit gemeint ist. Veränderung ist nicht planbar. Planwirtschaft ist ein Ausfluss unserer Verlustängste: Wir wollen uns gerne ein festes Bild von der Zukunft machen, die die Ingenieure dann nur noch technisch umsetzen müssen. Um die Ängste in Schach zu halten, soll das Neue so aussehen, als wäre es das Bekannte. Nichts da: Wettbewerb als Frucht der Neugier ist ein Entdeckungsverfahren. Man weiß vorher nie, wer oder was sich durchsetzt. „No gain without pain“: Veränderung ist nicht gemütlich, dafür aber kreativ.

Rainer Hank leitete bis Sommer 2018 die Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und hat mehrere Bücher veröffentlicht. Er ist unter anderem Mitglied im Kuratorium des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsordnung.

Text: Rainer Hank  |  Foto: Alex Habermehl

Inhalt

Impressionen aus dem Marienforum