Modernes und Vergangenes als Einheit

Was ist modern? Auf einen Menschen, der aufdringlich vor sich herträgt, dass er „modern“ ist, reagiere ich eher skeptisch. Ob jemand nämlich modern in jenem Sinne ist, dass er etwas wirklich Neues schafft, das muss er durch seine Arbeit beweisen und die sollten dann andere beurteilen. 
 
Nicht alles, was als modern gilt, muss auch gleichzeitig gut sein. Das Moderne markiert immer einen Bruch mit Tradition. Aufklärung, Industrialisierung oder jetzt die Digitalisierung sind Beispiele für das Moderne, das Neue. Dennoch würde ich nie das Moderne vom Vergangenen trennen wollen. Es ist wie jenes Gleichnis von den Zwergen, die auf den Schultern eines Riesen stehen. Der Riese ist die Vergangenheit, und nur ihretwegen können die Zwerge weit sehen. 
 
Ich schließe mich da gerne dem dänischen Philosophen Kierkegaard an: „Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird bald Witwer sein.“ 
 
Deshalb sollten gerade wir Kulturschaffenden, auch wenn es uns manchmal nicht behagt, öfter etwas weiter über den Tellerrand hinausblicken und Menschen fördern, die in der Lage sind, alte Werke danach zu befragen, was sie uns heute zu sagen haben. Wir dürfen ja nie vergessen, dass viele Opern, die wir heute spielen, nur vor 200 oder 300 Jahren modern waren. Besonders in der darstellenden Kunst sollten wir eben das Alte lieben und für das Neue leben. 
 
Dass die Frankfurter Oper als eine moderne, dem Neuen aufgeschlossene Oper gilt, hat sicher seinen Grund darin, dass wir dem Begriff der Moderne nie hinterherhechelten. Wir sind hier ganz einfach risikofreudiger, und das betrifft die Auswahl der Stücke ebenso wie deren Interpretation durch Regisseure.
 
Wir haben hier in Frankfurt ein Publikum gewonnen, das Neuem gegenüber aufgeschlossen ist und uns auch einen Vertrauensvorschuss gibt. Aber das ist typisch für Frankfurt, das eben deshalb eine weltoffene Stadt ist, weil man hier vor Neuem generell wenig Angst hat. 
 
Ich selbst empfinde mich eigentlich nicht als einen modernen Menschen. Zwar habe ich ein Smartphone, aber mir sind Vier-Augen-Gespräche wichtiger als ein Hin-und-her-Chatten, und das wird sich bei mir auch nicht mehr stark ändern. 
 
Wir sind ein sehr erfolgreiches, immer wieder zum „Opernhaus des Jahres“ gewähltes Kulturinstitut. Und dabei sind wir das einzige Opernhaus in Deutschland, das lange Zeit nicht über Facebook und Twitter arbeitete. Wir kommunizieren mit unserem Publikum jeden Abend mittels der Vorstellung. 
 
Ich komme mit meiner Facebook-Ablehnung durch meine Mitarbeiter von Jahr zu Jahr mehr unter Druck. „Wir brauchen das für unsere Kommunikation“, höre ich immer. „Aber die Frankfurter Oper ist auch so jeden Abend voll“, sage ich dann. Na ja, irgendwann werde ich wahrscheinlich einknicken und ein moderner Mensch werden – aber ich glaube, großartige, faszinierende und zum Denken anregende Inszenierungen auf der Bühne sind wichtiger.

Bernd Loebe ist langjähriger Intendant der Oper Frankfurt. Im September 2019 soll er zudem die Intendanz der Tiroler Festspiele in Erl übernehmen. 

Text: Bernd Loebe  |  Foto: Alex Habermehl

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